#1 Die Bedeutung der Desensibilisierung von PetraS 01.11.2019 13:16

avatar

Hallo, liebe Forumsgemeinde,
Desensibilisierung ist ein ziemlich abstrakter Begriff, der immer wieder im Zusammenhang mit Modifikations-Therapien genannt wird. Ich glaube, dass die meisten gar nicht wirklich wissen, was damit gemeint ist.
Wenn man den ganzen Umfang, der von der Desensibilisierung betroffen ist, wissen, will, dann kann man den an der Uni Aachen entwickelten Desensibilisierungsfragebogen online machen und erhält eine Auswertung, wie weit man desensibilisiert ist.

Was aber bewirkt die Desensibilisierung?
Ich habe mal, unabhängig vom Fragebogen, meine eigenen Ergebnisse zusammengeschrieben und wäre gespannt, wie es bei euch aussieht.
Rausgekommen sind neun entscheidende Veränderungen, die bei mir unumkehrbar geworden sind, und die ich im Folgenden darstellen möchte.

Dabei werde ich den Zustand vor der Desensibilisierung mit (-) und den danach mit (+) bezeichnen.

1.) Wenn ich bei Sprechen hängenbleibe/hängenblieb

(-) Ich kriegte irgendwie keine Luft mehr, und auch wenn ich neu einatmete, hatte ich nicht die Kraft zu sprechen, ich versuchte mit aller Kraft, das Wort herauszupressen, ich nahm meine Umwelt nicht mehr wahr, vergaß die Zeit (also ob es 10 Sekunden oder eine Minute waren) und wenn ich das Wort endlich gesagt hatte oder - was meistens der Fall war - ein anderer es vorgesagt hatte, fühlte ich mich, als hätte mir jemand einen Eimer heißes Wasser über den Kopf geschüttet, ich errötete, schämte mich und wollte nur noch im Erdboden verschwinden. Anschließend machte ich mir stundenlang, ja sogar tagelang einen Kopf darüber, warum mir das passiert war und ich ärgerte mich in mich hinein.

(+) Heute fühle ich im Voraus, dass ich hängen bleiben werde, ich richte mich darauf ein und verlangsame mein Sprechen oder mache einen weichen Stimmeinsatz, wenn nötig halte ich inne und hole noch einmal Luft oder nehme ein paar Wiederholungen hin, gefühlsmäßig passiert rein gar nichts, weder Scham noch Hektik, und wenn ich auffällig hängenbleibe dann bin ich jederzeit bereit, zu erklären, dass das gerade mal wieder Stottern war.

2.) Wenn ich sprechen MUSSTE

(-) Überall, wo ich sprechen MUSSTE, zum Beispiel in der Schule, war ich ständig auf Hab-Acht-Stellung. Ich suchte mir den Satz, den ich sagen wollte, genau aus und machte nach Möglichkeit neben einem Plan A auch einen Plan B. (Zum Beispiel neben "Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie spät es ist" einfach noch "Pardon, haben Sie mal die Uhrzeit?" Wenn ich keine Möglichkeit hatte, ein bestimmtes Wort zu umgehen, dann geriet ich in pure Hektik und konnte das Wort dann auch garantiert nicht sagen. Danach schämte ich mich dann, wie ich oben bereits beschrieben habe, ganz fürchterlich und konnte mich an die jeweilige Situation noch jahrelang minutiös erinnern.

(+) Ich spreche mit aufrechter Haltung den Satz, den ich sagen will, genau dann, wann ich es will, und selbst wenn die Gefahr besteht, dass ich hängenbleibe, gerate ich nicht in Hektik und kann auch die Wörter, die ich früher nie sagen konnte, immer problemlos aussprechen. Ich bin jederzeit bereit, das Stottern anzusprechen - meistens ist es aber nicht nötig.

3.) Wenn ich sprechen WILL / WOLLTE

(-) Wenn ich selber etwas sagen oder fragen wollte, dann habe ich den Personen, die ich ansprechen wollte (Verkäufer*in, Lehrer*in) nicht in die Augen gesehen, sondern habe mich ihnen von hinten genähert und dann in einem Moment, wo ich mir sicher war, ich könnte jetzt meinen Satz gerade sagen, den Satz völlig überhastet - quasi um schneller zu sein als die Blocks - ausgesprochen. Die andere Person hat dann meistens, weil sie völlig überrumpelt war, nicht verstanden, was ich gesagt habe und mit "wie bitte" reagiert. Wenn ich dann meinen Satz wiederholen wollte, blieb ich garantiert hängen und wollte vor Scham im Boden versinken.

(+) Ich schaue die Menschen an und sage genau den Satz, den ich sagen möchte. Ich bleibe einfach nicht mehr heftig hängen. Ich brauche auch keine Wörter auszutauschen. Wenn ich mal hängenbleibe, dann in aller Regel nicht am Anfang, sondern meistens erst bei einem längeren Gespräch. Aber auch dann kann ich bei Bedarf einfach sagen"ups, da bin ich mal wieder hängengeblieben" und das ganz ohne jegliches Schamgefühl.

4 .) Wenn der Begriff "Stottern" fiel

(-) Wenn jemand in meiner Gegenwarte Stottern, Stotterer oder, was noch viel schlimmer war, "du stotterst" sagte, dann bekam ich Herzrasen, wurde knallrot und wollte am liebsten schnell weglaufen. Ich hielt mich fern von Leuten, die so etwas sagten; wenn es Freunde waren, kündigte ich ihnen die Freundschaft auf und tat alles dafür, dass sie nie wieder so etwas sagten, ich setzte mich unter Druck und versuchte stets, mich zu kontrollieren. Ich erfand tausend Ausreden, nur dass ich stotterte, wollte ich nie zugeben.

(+) Wenn ich heute den Begriff "Stottern" höre, dann erweckt dies mein Interesse, mir macht es Spaß, anderen Leuten zu erklären, was Stottern wirklich ist. Ich weiß, dass Normal-Sprecher im Grunde überhaupt nicht wissen, was Stottern bedeutet, darum erkläre ich es ihnen, wenn das Thema einmal angestoßen wurde. Wenn sich dann jemand arrogant oder herablassend verhält, bekommt er seine verdiente Antwort.

5.) Wenn in Filmen eine Stotterer-Rolle auftaucht

(-) Ich habe mich still vor mich hingeschämt, habe nur, um kein Spielverderber zu sein, den Film bis zum Ende geschaut und heimlich dafür gebetet, dass nur niemand sagen würde, "der redet ja genau wie du". Wenn jemand lachte, wollte ich vor Scham im Boden versinken. Ich lachte nie, da ich Angst hatte, die anderen könnten meinen, ich hätte kein Recht dazu.

(+) Wenn es sich um eine komische Rolle handelt, dann lache ich genau wie die anderen, aber wenn Stotterern Unrecht geschieht, dann beschwere ich mich gegebenenfalls bei der Produktionsgesellschaft oder mache die BVSS darauf aufmerksam, damit sie reagieren. Oder ich erkläre einfach den Leuten, mit denen ich zusammen schaue, wieso es falsch ist, auf diese Weise stotternde Charaktere darzustellen.

6.) Das Stottern ansprechen

(-) Für mich war es unmöglich, über Stottern zu reden. Ich wusste ja, dass ich unschuldig war, und wenn ich es zugegeben hätte, dann wäre es mir so vorgekommen, als hätte ich ein Verbrechen gestanden. Da in der Familie nie über Stottern gesprochen wurde, habe auch ich die Worte Stottern und Stotterer nie in den Mund genommen. Wenn ich bezogen auf andere diese Wörter benutzen musste, fühlte ich mich schlecht, es fiel mir unendlich schwer, ich kriegte Herzklopfen und lief rot an. Ich wollte auch niemals, dass andere über mich so etwas sagen würden.

(+) Heute kann ich das Stottern überall ansprechen. Ich spreche es nicht einfach so an, denn wenn ich z.B. vor einem Vortrag sagen würde, "es kann sein, dass ich ab und zu mal hängen bleibe, weil ich stottere", dann stottere ich vielleicht gar nicht und würde den Zuhörer damit nur verwirren. (Wenn ich schwerer stottern würde, hätte ich das getan, aber ich bleibe nun mal manchmal gar nicht hängen, und das gerade in schwierigen Sprechsituationen). Darum entscheide ich mich von Fall zu Fall. Wenn ich zum Beispiel 2-3 Mal auffällig hängengeblieben bin, dann erkläre ich, was gerade geschehen ist und mache einfach weiter. Ich schäme mich dabei nicht, und mir macht es Spaß, Leute, die ich kenne (auch meine Vorgesetzten im Beruf) über Stottern aufzuklären.

7.) Mich mit dem Begriff "Stottern" identifizieren

(-) Früher bedeutete für mich das Wort Stotterer so etwas wie Verbrecher. Was ich damit meine, ist, ich fühlte mich extrem schuldig, weil ich etwas getan hatte, was unerwünscht war. Für mich war jede Ausrede willkommen, ich gab vor, aufgeregt zu sein oder vergessen zu haben, was ich sagen wollte. Wenn mich jedoch jemand als Stotterer enttarnte, dann wollte ich einfach nur noch weg.

(+) Ich weiß, dass es überhaupt nichts bringt, anstatt das Wort "Stottern" zu benutzen, beschönigende Wörter wie "ein kleiner Sprachfehler" oder "Wörter nicht rauskriegen" zu benutzen. Es ist, wie es ist. Stottern ist keine Straftat, es macht aus einem guten Menschen keinen Verbrecher, ganz im Gegenteil, Menschen, die aufgrund ihres Stotterns häufig Spott ausgesetzt sind, sind oft dadurch emphatischer, angepasster und verständnisvoller. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ein Stotterer zum Verbrecher wird. Alle Stotterer, die ich kenne, sind nette und ehrliche Menschen, deren wahre Eigenschaften häufig verkannt wurden, und die daher ganz tolle Freunde sind.

8.) Gelobt zu werden "du hast überhaupt nicht gestottert"

(-) Wenn mir früher ein Lehrer gesagt hat, "bravo, du hast überhaupt nicht gestottert", dann war ich der glücklichste Mensch auf Erden. Gleichzeitig aber setzte ich mich enorm unter Druck, das es nun so weitergehen muss und ich nie wieder stottern darf. Wenn ich dann aber doch wieder hängenblieb, fühlte ich mich schuldig und war am Boden zerstört.

(+) Heute weiß ich, dass die Gefahr, stottern zu können, mich ein Leben lang begleiten wird. Daran bin auch nicht ich Schuld, das liegt einfach in der Natur des Stotterns. Wenn jemand heute zu mir sagt, "du hast ja gar nicht gestottert", dann sehe ich dies nicht mehr als Lob an, sondern weiß, dass ich schon morgen oder in einer anderen Umgebung jederzeit wieder hängenbleiben kann, aber mir dies gefühlsmäßig überhaupt nichts mehr ausmacht.

9.) Andere Stotternde treffen

(-) Wenn ich andere Stotternde traf, dann geriet ich in Aufregung. Wenn es ein Kind war wie ich damals, dann ließ ich mich gehen und gab sämtliche Kontrolle über das Sprechen auf. Das war ein schönes Gefühl (ich habe da ein paar konkrete Situationen in Erinnerung). Als ich dann älter wurde, wollte ich mit anderen Stotternden nicht mehr auf eine Stufe gestellt werden, schließlich hatte ich ja versprochen, dass ich "aufhören werde zu stottern." Darum wollte ich mich auch nicht mit Stotterern abgeben. Ich hatte sogar Angst vor anderen Stotternden, und ich wollte auch nie, dass das Thema angesprochen wird.

(+) Heute liebe ich es, andere Stotternde zu treffen, mit ihnen über Stottern zu reden und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Auch wenn jemand schwerer, der andere leichter, der eine mehr mit Wiederholungen, der nächste mehr mit Blocks stottert, ich finde bei jedem Punkte, bei denen ich mich mit ihnen identifizieren kann. Stotternde unter sich gehen sehr geduldig und verständnisvoll miteinander um. Darum liebe ich es auch, an den Selbsthilfe-Treffen teilzunehmen.
Es wird auch niemand ausgegrenzt, weil er vielleicht gar nicht auffällig stottert, sondern eher auf Vermeidung setzt. Denn alle wissen, dass auch so eine Person unter der ständigen Angst, stottern zu können, sehr leiden kann; vielleicht mehr als andere, denen nur die Wahl bleibt: entweder Stottern oder Schweigen.

Das sind die Hauptpunkte, die mir einfallen, und die ich nicht mehr missen möchte.
Das Schönste daran ist aber, dass ich endlich Schein und Sein in Einklang gebracht habe.
Ich mag mich, auch wenn ich stottere, ich kann mich wohlfühlen, selbst wenn ich gerade mal hängengeblieben bin.
Ich schäme mich nicht mehr.
Ich behalte einen kühlen Kopf, wenn ich hängenbleibe
Ich kann Leuten, die sich lustig machen, antworten.
Ich bewahre stets die Ruhe, wenn ich reden, und ich stottere echt nur noch sehr wenig.

Dies alles sind die wertvollen Ergebnisse einer erfolgreichen Desensibilisierung.
Auch die Desensibilierung ist - wie eine gesamte Stotter-Therapie - wie eine Reise. Man weiß nicht genau, ob es einen Monat, ein Jahr oder ein ganzes Leben dauert.
Aber der Weg lohnt sich in jedem Fall.

Wie steht ihr dazu?

#2 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von T_homas 01.11.2019 17:15

avatar

So richtig kann ich zu meiner Desensibilisierung noch nichts schreiben, es ist ein ständiges AUF und AB.

Habe ich einen schlechten Tag, mehr Stress wie sonst oder irgendwas anderes kommt mir in die Quere, leidet automatisch der Mut, vllt. auch die Lust sich dem Stottern zu stellen.

Ich bin jetzt selbst nicht der Extremstotterer und habe schon einige erlebt die weitaus schlimmer dran waren und dann denke ich an die und wie die damit umgehen und ziehe aus dem wieder neuen Antrieb.

Leider hatte ich wieder 1, 2 heftigere Aussetzer erlebt in ein und derselben Situation bei meinem Lieblingswort :(, weshalb ich beschlossen habe, dieser Situation vorerst wieder aus dem Weg zu gehen.
Natürlich ist das wieder der total falsche Ansatz und hat mit Desensibilisierung nichts gemein, aber derzeit seh ich mich einfach nicht imstande mich der Herausforderung erneut zu stellen.

Was ich bis jetzt zumindest bemerke, dass ich zunehmend telefonisch nicht mehr den Rückzieher mache, was vorher generell der Fall war. Natürlich bin ich da auch nicht völlig angstfrei und gelassen, aber ein Anfang ist es schon mal.
Meinen Nachnamen krieg ich auch seitdem ohne zu stottern raus, was zuvor fast immer mit Stottern verbunden war. Ich habe aber gelernt, das nicht als Selbstverständlichkeit zu werten und versteife mich nicht darauf, dass es fortan immer so sein wird.

Meine Sprechweise ist ähnlich, ich spreche teils zu schnell um somit wenn Stottern droht, diesem auszuweichen, indem ich mit viel zu schnellem, hastigen Tempo über die tonischen Blocks springe oder schneller bin.

Ich hatte mir im Laufe der Zeit auch angewöhnt an keine Blocks ranzugehen, sondern schon im Vorfeld Schwung zu holen im Satz, Wörter vor dem Blockwort, einhergehend mit gesteigertem Druck im Hals und Bauch, ähnlich einem Katapult. Teilweise war ich so damit abgelenkt vom eigentlichen Inhalt meines Sprechens, dass dieser von den Wörtern her teilweise gar nicht mehr passte oder ich im Satz abbrach und mit dem nächsten Thema anfing usw. und mein Gegenüber mir selber schon sagte: Sie rauben mir den Verstand.

Das alles rührt von der Angst her stottern zu können. Das habe ich jetzt durch die Desensibilisierung in Bearbeitung und es klappt in der Famile recht gut, schwieriger wird das natürlich, was vollkommen normal ist, wenn man sich immer weiter aus seiner Komfortzone raustraut.

Dadurch bedingt, dass ich jetzt immer mehr Wörter spreche, die ich vorher tunlichst umgangen habe, mittels Technik, kommen teilweise diese mit immer weniger werdender Schwierigkeit.

#3 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von Chiara 06.11.2019 12:26

avatar

Bei mir ist die Desensibilisierung zu meiner Lebensaufgabe geworden.
Ich denke, mittlerweile habe ich mich bis zur Mitte vorgearbeitet. Den ganzen Weg werde ich wohl nicht mehr schaffen.

Ein großes Stück bin ich während meiner Therapie bei Wolfgang Wendlandt in Berlin vorangekommen, nachdem ich zuvor ständig und überall am liebsten im Erdboden versunken wäre, weil ich stets der Meinung war, ich müsste mich dafür schämen, ich sei einfach nur peinlich.

Ich gehe mittlerweile sehr offen mit meinem Stottern um, aber stoße auch fortwährend an meine Grenzen, z.B. bin immer noch himmelweit davon entfernt, dass ich mich trauen würde, irgendwelche Leute anzusprechen und sie zu fragen, wie sie über Stotternde und das Stottern an sich denken. Ich denke da so an eine Situation, wie sie vor einiger Zeit während des McGuire Programms (lief auf RTL II) durchgeführt und dargestellt wurde – 100 Kontakte an einem Tag.

Vor einiger Zeit war sogar mein Vermeidensverhalten im Supermarkt wieder zurück. Normalerweise habe ich damit überhaupt keine Probleme mehr – so dachte ich das zumindest. Aber an besagtem Tag ging es mir nicht so gut. Außerdem stand die Angestellte im Supermarkt auch ganz offensichtlich unter großem Stress. Ich merkte das daran, weil ich schon einige Zeit um sie herumgeschlichen war und beobachten konnte, wie ihr von einigen Kunden Fragen gestellt wurden, die sie zwar beantwortete, aber eben nicht besonders liebenswürdig. Ich war überzeugt, wenn ich zu ihr gehen und sie etwas fragen würde, würde ich mit Sicherheit in einem vollen Block landen und ihr so „die Zeit stehlen“. Außerdem befürchtete ich, dass dann erfahrungsgemäß mein Blutdruck wieder mal in schwindelnde Höhen katapultiert werden würde. Für mich war es in diesem Moment in Ordnung zu vermeiden.

Leider mache ich mir immer noch zu viele Gedanken um meine Gesprächspartner. Wie viel Stottern kann ich meinem Umfeld zumuten, wie viel Stottern kann das Umfeld ertragen?
Es wird mir immer in Erinnerung bleiben: die ganze Familie, das Umfeld verfällt in Schockstarre (treffende Formulierung von PetraS!).

#4 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von PetraS 08.11.2019 19:04

avatar

Hallo,
ich hatte diesen Thread in einer anderen Gruppe (Facebook) verlinkt und einige Antworten erhalten. Diese gebe ich nun hier - mit Zustimmung der Beteiligten (bei geänderten Namen) wieder:
Tom schrieb:

Zitat
Bei meiner Therapie bestand die Desensibilisierung eigentlich zu 100%aus rausgehen, in geschäfte gehen. Nach Dingen zu fragen die mir als Wort schwer fallen. Telefonieren mit Ämtern usw.


Meine Antwort:

Zitat
Ohne oder mit Pseudostottern oder dem Zeigen des echten Stotterns? Desensibilisierung ist - wenn man dem Fragebogen von Zückner folgt - eben sehr viel mehr, es schließt den offenen Umgang mit dem Stottern und mit der Begrifflichkeit Stottern mit ein, sodass am Ende im besten Falle KEINE negativen Gefühle mehr übrig sind. Das Rausgehen und Drauflos-Stottern ist nur das Mittel, um die Desensibilierung (in dem Falle das Abhärten gegen den "worst case", das Stottern selbst) zu erreichen.


Julian schrieb:

Zitat
Ich finde, egal ob du Pseudo und Normal stotterst, kannst du dich desensibilisieren.
Ich habe auch dieses komische ABC- System durchlaufen (also Pseudostottern mit Steigerung der Schwierigkeitsgrade), habe weiches Sprechen gelernt, hatte 3 stationäre Therapien und Thalheim (sagt dem ein oder anderen etwas) und am Ende hat mir geholfen zu wissen, WARUM wir eigentlich stottern. Jetzt weiß ich, woran ich wirklich arbeiten kann.
Aber egal- ich habe mich desensibilisiert, indem ich einfach geredet habe. Immer, überall. Ohne Pseudostottern.
Deine Erfahrungen, Petra, kann ich voll bestätigen


Meine Antwort:

Zitat
Julian, wenn ich ehrlich bin, habe ich nie pseudo-gestottert außer als Übung in der SHG. Meine Desensibilisierung (lange vorher) ging einher mit einem offenen Umgang und einfach Stottern zulassen und aushalten. Ich habe eh vieles erst gelesen, nachdem ich es intuitiv gemacht hatte und es dann quasi als Bestätigung empfand, als ich gelesen habe, dass es Teil der Van-Riper-Therapie ist.


Zitat
Petra, ich hab auch diese ganzen Therapien mitgemacht, jedoch nie angewendet was ich da gelernt habe. Am Ende hat aber lediglich geholfen, dass ich weiß, wieso ich stottere. Und, dass ich mich jeder Situation ausgesetzt habe, vor der ich Angst hatte.



Was ich zusätzlich noch kommentieren möchte:
Ich gebe Julian in vollem Umfang Recht, dass es egal ist, ob man pseudo- oder normal stottert.
Ich habe bei mir zum Beispiel festgestellt, dass es mir ausreicht, einfach mal das Stottern, was sich von selbst einschleicht, zuzulassen und nicht gleich - wie ich vorher lange Jahre gemacht habe - einfach abzubrechen und umzustellen. Irgendwann verlieren sich die Schamgefühle, und wenn sie sich einschleichen, gilt für mich: jetzt erst recht.

Ich finde es auch wichtig, dass man sich gegen sein echtes Stottern abhärten muss und nicht gegen etwas Künstliches. Aber es macht sicher Sinn, dass einige Therapeuten zunächst ein verfremdetes, kontrollierbares Pseudo-Stottern wählen, damit die Beteiligten nicht in den tatsächlichen Kontrollverlust geraten, den sie so sehr fürchten. Das Ganze dürfte auch individuell unterschiedlich sein, aber dafür haben wir ja gut ausgebildete, emphatische Therapeuten (im Idealfall).

@Chiara ich weiß irgendwie nicht, wann und wo ich das mit der Schockstarre gesagt oder geschrieben habe. Aber sicher habe ich mal sowas ähnliches gesagt. Passt schon

#5 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von PetraS 08.11.2019 19:22

avatar

Ich möchte aus gegebenem Anlass von noch einer weiteren Begebenheit berichten, die einen Bezug zu diesem Topic hat.
Vor einiger Zeit trafen wir uns mit verschiedenen Stotternden, um Erfahrungsberichte zusammenzutragen.

Einer der Teilnehmer - nennen wir ihn Manuel - hatte uns schon öfter von seiner Erfahrung mit seiner Fluency-Shaping-Therapie erzählt. Er wendet die Techniken deutlich erkennbar an und erweckt den Eindruck, dass er immer noch fleißig daran arbeitet, diese Techniken auch im Alltag zu verwenden.
Soweit so gut - denn dafür ist die Therapie ja da.

Was mich allerdings tatsächlich schockierte, war die Aussage, die er dann machte. Er sprach von einer Dienstreise mit seinem Arbeitgeber und sagte dann: "Ich selber habe praktisch gar nicht gesprochen, weil ich Angst hatte zu stottern - und dabei mich und meinen Arbeitgeber zu blamieren."

Diese Aussage machte mich traurig, denn sie geht so sehr an meinem Therapie-Verständnis vorbei.
Ich sagte ihm auch, dass an dieser seiner Aussage erkennbar ist, dass ihm der Baustein Desensibilisierung bei seiner Therapie fehlte.

Er aber nahm eine Art Abwehrhaltung an und verteidigte das Therapie-Konzept u.a. mit den Worten: "Ich will einfach nicht stottern!"

Ich weiß nicht, ob er die Philosophie der Therapie falsch verstanden hat, ob Akzeptanz bei dem Konzept gar keine Rolle spielt.
Aber ich frage mich ernsthaft:
Sollte so eine zeitgenössische Therapie aussehen?
Kann das Ziel sein "nicht stottern"?

Einmal mehr fühlte ich mich in meinem Engagement für auf Desensibilisierung basierenden Stotter-Therapien wie die von Van Riper bzw. sämtliche Modifikationsansätze bestätigt.

Wenn eine Stotter-Therapie dazu führt, dass man zwar flüssig spricht, aber innerlich zu zerbersten droht, weil die Angst zu Stottern ständig wie ein Damokles-Schwert über einem schwebt, dann kann das auf Dauer nicht zu einer psychischen Gesundheit beitragen.

Angstabbau bzw. Desensibilisierung ist für mich das A und O einer erfolgreichen Therapie.
Wenn dann Stottern auftritt, dreht man nicht gleich am Rad, man kann es mit einem Lächeln quittieren, kann seine Modifikationstechniken anwenden oder auch nicht... Aber man kann mit sich, der Welt und dem Stottern im Reinen sein.

Was meint ihr dazu?

#6 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von Chiara 08.11.2019 19:39

avatar

Hallo @PetraS ,
Es war hier im Beitrag Ebooks.
Als ich das las, kam bei mir die Erinnerung hoch an die versteinerten Mienen meiner Familie, wenn ich längere Zeit in einem Block festhing. Plötzlich hatte ich das Bild wieder vor mir

#7 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von turm79 27.11.2019 11:59

Ich hatte 2014 eine Wingwave Therapie für Gefühlsblockaden gemacht.Es hat kurzfristig eine Wunder gemacht.Alle Ängste, die während der Therapie aktiv waren, in 2 Stunden weg.Ich habe damit so viel gelernt und mache ich es jetzt selber.Damit hatte ich ein sehr erfolgreiches Vorstellungsgespräch erlebt. Ich hatte vorher mein Atem und Artikulation korriegert.

Ich habe mit mir 6 Gruppen Ängste gefunden und sie mit EMDR auf positive umgewandelt.

1. Sprechen ist nichts Gefährliches, sondern es ist einfach Unterhaltung.

2. Menschen sind nicht gefährlich, sie sind gute Freunde zu unterhalten.

3. Stottern ist keine Schuld, Hindernis oder Behinderung. Ich bin als Stotterer wertvoll und stark.

4. Niemand kann mich wegen meiner Eigenschaften beurteilen und blamieren.Ich bin unschuldig und wertvoll.

5.Niemand kann mich wegen meiner Eigenschaften unterschätzen und erniedrigen. Ich bin stark und wertfoll.

6. Ich bin nicht hilfloss und nicht zu bemitleiden.Ich bin stark, klug und wertwoll.

Damit fühle ich draußen keinen Stress.Ich spreche auch die Unbekannten ohne Angst an.
Wenn ich stottere, ist es egal.Ich fange neu an.

Weil ich auf jeden Fall unschuldig, stark, wertvoll.

#8 RE: Die Bedeutung der Desensibilisierung von ViktoriaM 08.12.2019 21:34

Hallo Petra (und alle Mitlesenden),

ich finde Du hast das Phänomen "Desensibilisierung" sehr differenziert beschrieben. Auch ich halte mich für (ca. zu 95-99%) desensibilisiert. Als ich mein eigenes Stottern nach und nach enttabuisiert und mich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, merkte ich, dass ich darauf nicht mehr so "allergisch" und empfindlich reagierte. Mein Stottern, welches in mir ca. 35 Jahre lang Zustände auslöste, die Du in allen Punkten Deines Beitrags unter (-) beschrieben hast, ließ mich nach und nach kalt. Besonders überraschend war die "Nebenwirkung", dass ich mit der Zeit wesentlich weniger stotterte bzw. immer noch stottere. Meine Desensibilisierung wurde jedoch nicht durch eine Therapie ausgelöst, sondern durch einen intensiven und regelmäßigen Austausch über das Thema Stottern mit Dir, Petra, und anderen Stotternden.
Manchmal frage ich mich, wie es sich auf mein Stottern auswirken würde, wenn ich in ein anderes Land ziehen würde oder, aus welchen Gründen auch immer, keinen Kontakt zu Dir und der Stotterer-Szene hätte. Ein Therapeut sagte einmal:"Die Desensibilisierung sollte immer am Köcheln gehalten werden." (-;

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz