#1 Neue Videoserie der BVSS von PetraS 26.11.2019 21:49

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Hallo Leute, hallo @Sprechraum Beratung
Die BVSS hat eine neue Video-Serie begonnen einzustellen, und mich würde eure Meinung interessieren.


Hierzu erschien folgender Kommentar:

Zitat
Liebe BVSS, ihr schreibt auf Youtube: "Es handelt sich dabei nicht um therapeutische Anleitungen, sondern um 11 kleine Tipps." Was wollt ihr damit sagen? Es braucht keine längere logopädische Therapie, um Stottern verändern zu können? Es reichen ein paar Tipps? -- Mich, als selbst stotternden Menschen, machen diese Tipps wütend, weil sie auf genau der gleichen Linie liegen wie Ratschläge, die man als stotternder Mensch ohnehin sein ganzes Leben lang hört: "Atme doch mal etwas anders!" "Konzentriere dich doch mal etwas mehr!" "Sprich doch mal etwas langsamer!" Das wird niemand dauerhaft helfen. Auch wenn es kurzfristige Effekte gibt, die man in Videos zeigen kann. Und weil ihr mit diesen Tipps Besserungsmöglichkeiten versprecht, setzt ihr das natürlich mit einer Form von Therapie gleich, auch wenn ihr das Gegenteil schreibt. Scheitern und daraus resultierende Frustration ist mit diesen Tipps vorprogrammiert. Wie schade, dass ihr das unterstützt!



Die BVSS antwortet:

Zitat
Wir bedanken uns für deine Rückmeldung zu dem Video. Offensichtlich ist unser Anliegen nicht rüber gekommen oder wir haben es nicht deutlich genug gemacht. Das Video ist als reiner Selbsthilfetipp – also von Betroffenen an Betroffene – zu verstehen. Es soll Anregungen für den Umgang mit Alltagssituationen geben.

Wir unterscheiden sehr wohl zwischen Therapie und Selbsthilfe. Berthold Wauligmann versteht sich als Mann der Selbsthilfe, der in den Videos Anregungen aus seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Stottern geben will. Die Tipps wollen und können keine Therapie ersetzen.



Antwort des Kritikers:

Zitat
Ich danke Euch für Eure freundliche Reaktion. Ich habe trotzdem große Zweifel, dass jemand, der zufällig und ohne Vorkenntnisse hier vorbeikommt, solche Tipps, oder besser: Tricks, wie sie hier gezeigt werden, von einer seriösen Stottertherapie wird unterscheiden können. Die Tipps suggerieren: Wir helfen dir dabei dein Stottern zu verändern. Genau das verspricht aber eine Therapie! Nur dass eine seriöse Stottertherapie viel komplexer und umfassender ist als solche Tricks und z.B. an Sprechangst arbeitet (die sog. Desensibilisierung). Wenn solche Tricks jemand helfen, gut. Ich befürchte nur, dass eher früher als später wieder Frustration einsetzt, weil solche Tricks normalerweise (Ausnahmen gibt es immer) nicht dauerhaft helfen. Ich zitiere aus der für jeden frei zugänglichen S3-Leitlinie zu Redefluss-Störungen (https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitli...gen_2016-09.pdf), einer der wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen zum Stottern der letzten Jahre, an der ihr selbst mitgearbeitet habt:
„Stottern lässt sich mit der Behandlung von Einzelsymptomen (z. B. Atmung, Sprechrhythmus) oder vorübergehenden Änderungen der Sprechweise vor allem in isolierten Situationen rasch vermindern, wie beispielsweise bei einer populären Atemtherapie, die angeblich das Zwerchfell trainiert. Dies kann kurzfristig eine Heilung vortäuschen. Für hierbei häufig angewendete isolierte Atem-, Rhythmisierungs- und Entspannungstechniken oder Methoden, die auf eine reine Veränderung der Sprechweise abzielen, z. B. durch Singen oder medikamentöse Sprechverlangsamung, besteht jedoch keine langfristige Übertragbarkeit in den Alltag.“ (a.a.O. S. 109)
Wer solche Tricks versucht, dann aber im Alltag scheitert, sucht doch die Schuld sehr wahrscheinlich wieder nur bei sich. Wozu also solche Tricks?


Wie steht ihr zu diesen Anmerkungen?
Wie findet ihr derartige Videos, empfindet ihr sie als hilfreich oder seid ihr ebenso skeptisch?

#2 RE: Neue Videoserie der BVSS von Berthold Wauligmann 30.11.2019 11:25

Ich bin Berthold Wauligmann und gebe in den Videos die "Tipps für den Alltag". Zu den Äußerungen des "Kritikers" nehme ich wie folgt Stellung:

Ziel unserer kurzen Videos ist es, Stotternden, die auf der Suche nach Hilfen sind, Anregungen zu geben, was sie in schwierigen Situationen mal ausprobieren können. Deine Kritik macht mich nachdenklich und ich frage mich, was wir hätten besser machen können. Ja, es wäre sinnvoll gewesen, wenn sich einige Fachleute die Aufnahmen vorab angesehen hätten, die Zeit haben wir uns nicht genommen. Das wollen wir für die acht noch nicht gezeigten Videos nachholen.

Trotzdem sehe ich viele von Dir kritisierte Punkte anders, daher möchte ich an dieser Stelle meine Sichtweise kundtun. Dich stören Ratschläge wie „Sprich doch mal etwas langsamer!“ Die habe ich, gerade als Kind, auch sehr oft gehört. Das ist Kritik und bedeutet: „Du sprichst nicht gut genug, mach es anders. Ich weiß es besser!“ Dadurch wird das Stottern wahrscheinlich verstärkt. Ich stelle in den Video-Clips keine Forderungen, sondern biete freundlich an: „Hast Du Lust, das mal auszuprobieren?“ Die Reduzierung des Sprechtempos ist ein wesentliches Element der erfolgreichsten Stottertherapien. Sofern jemand Hilfe sucht, ist das also ein seriöser Tipp. Hier bietet die von mir mit vertretene Naturmethode verschiedene Ideen an, wie man auf recht natürliche Art und Weise langsamer sprechen kann. Und das ist längst noch nicht alles. Ich empfinde die Naturmethode “wie ein Buffet an Möglichkeiten, was man (aus-) probieren kann, um sein Stottern zu reduzieren“. So entdecken selbst Stotternde mit viel Therapieerfahrung bei unseren Seminaren noch etwas Neues, was sie gut finden und was ihnen hilft, auch wenn sie es nicht in jeder Situation erfolgreich umsetzen können. Dann sollte man nicht allzu enttäuscht sein, gelingt doch selbst nach langen und teuren Therapien der Transfer in den Alltag nicht immer.

Bei meinen Tipps geht es oft auch um Atmung. Vor Jahren fiel mir auf, dass ich in Stresssituationen häufig die Kontrolle über mein Sprechen verliere, dass ich dann sehr viel Luft geholt und mit viel zu viel Druck gesprochen habe. Durch Selbstversuche habe ich festgestellt, dass es mir gelingt, scheinbar “schwierige“ Wörter viel leichter auszusprechen, wenn ich an der entsprechenden Stelle (!) einmal bewusst nur wenig Luft hole. Bei Seminaren und in unserer Selbsthilfegruppe haben es andere dann auch versucht und auch ihnen hat es geholfen, in solchen Momenten ihr Sprechen auf diese Weise gezielt zu beeinflussen. Und auch bei Sabrina und Tobias haben diese Tipps bei unseren Aufnahmen sofort funktioniert. Klar, das war eine leichte Situation, aber immerhin.

Du schreibst, dass wir mit unseren Tipps Besserungsmöglichkeiten versprechen. Wir versprechen gar nichts, aber wir ermutigen dazu, Dinge auszuprobieren – und unsere Seminare wären nicht so gut besucht, wenn sie den Teilnehmern nicht gut täten.

Auch hast Du große Zweifel, dass jemand, der sich zufällig und ohne Vorkenntnisse unsere Videos ansieht, solche Tipps von einer seriösen Stottertherapie unterscheiden kann. Jemand ohne Vorkenntnisse kann aufgrund der Angebote im Internet auch bei einer unseriösen Therapie landen, die (zu) viel verspricht und für die er auch noch viel Geld selbst bezahlen muss. Wir versprechen gar nichts und unsere Videos kann man sich sogar gratis ansehen! Da ist also schon ein großer Unterschied. Außerdem erscheint am Ende der Hinweis, dass man die Möglichkeit hat, weiterführende Seminare zu besuchen. Wer unsere Tipps interessant findet, sie aber nicht so wie erhofft umsetzen kann, der bekommt hier weitere Unterstützung. Auch der Transfer in den Alltag ist bei unseren Seminaren immer wieder ein großes Thema.

Wer in Münster oder im Münsterland wohnt, der hat Glück. Er bzw. sie kann kostenlos an den Gruppenabenden unserer Selbsthilfegruppe teilnehmen. Gerade in unserer Übungsgruppe, die alle zwei Wochen stattfindet, kann man auch die in den Videos gezeigten Tipps ausprobieren. Ich bin dann ebenfalls dabei und bringe meine Erfahrungen mit ein. Nähere Infos unter “www.stottern-muenster.de“. Auch in einigen anderen Selbsthilfegruppen kann man Leute antreffen, die regelmäßig unsere Seminare besuchen und die einen gerne beim Transfer in den Alltag unterstützen.

Du meinst, dass unsere Tipps suggerieren „Wir helfen dir dabei, dein Stottern zu verändern.“ Das machen wir tatsächlich – nicht in dem Maße, wie es eine intensive und seriöse Therapie kann, aber doch mit den Möglichkeiten, die uns die Stotterer-Selbsthilfe bietet. Und auch Sprechangst kann sich hier und da etwas reduzieren, zum Beispiel dann, wenn es einem gelingt, seinen Namen jetzt leichter auszusprechen. Auch kleine Erfolge können da schon Mut machen.

Unsere Tipps bezeichnest Du abwertend als “Tricks“. Das kann man durchaus teilweise so sehen, aber sind dann seriöse Techniken wie “Pullouts“ und der “weiche Stimmeinsatz“ nicht auch Tricks ...? Dass durch die reine Veränderung der Sprechweise keine großen Erfolge erzielt werden können, davon gehen wir auch aus. Daher beschäftigen wir uns bei unseren Seminaren u. a. auch mit der Veränderung von Einstellungen und Gedanken, mit Entspannung, Selbstliebe und der Stärkung des Selbstbewusstseins.

#3 RE: Neue Videoserie der BVSS von PetraS 02.12.2019 17:34

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Hallo @Berthold Wauligmann , hallo alle Interessierten, hallo BVSS,
ich habe diese Debatte hier ins Forum gestellt, weil ich sie sehr wichtig finde.

Sie erinnert mich übrigens an einen ähnlich gearteten Fall in unsere türkischen Gruppe.
Die Vorsitzende der Stotterer-Vereinigung, die viele von euch in Nürnberg auf dem Buko kennengelernt haben, stellte einst ein Video ein, in dem sie weiche Einsätze erklärte und vormachte, so wie sie die in der Therapie gelernt hatte. Sie benutzte sie dann durchgehend auch beim Sprechen.
Das Video war ganz amateurhaft gemacht, hatte aber großen Aussagewert.
Das vor dem Hintergrund, dass sich viele in der Türkei keine teuren Therapiesitzungen leisten können und dankbar über jeden Tipp sind.

Einige Tage später wollte ich einem Ratsuchenden das Video verlinken und fand es nicht mehr. Ich schrieb die Urheberin an und bekam (sinngemäß) folgende Antwort:

Zitat
Ich habe das Video rausgenommen, weil ich gemerkt habe, dass viele es völlig missverstanden haben. Während ich ihnen einen Tipp, eine Sprechtechnik zeigen wollte, dachten sie, ich zeige ihnen, was sie falsch machen und sie können von mir lernen, wie man es richtig macht. Damit wären sie dann das Stottern los. Das ist aber nie meine Absicht gewesen, weil ich weiß, so einfach ist das nicht.


Genau diese Problematik spricht der Kritiker hier an, obwohl ich schon glaube, dass die deutsche Stotterer-Community weitaus besser gebildet ist als die jungen Stotternden in der Türkei, die an jeder Straßenecke die Werbung "Schluss mit Stottern in 15 Tagen" lesen müssen.

Dennoch hätte ich einen konstruktiven Tipp, um die Video-Serie einerseits fortführen zu können, andererseits auch die Bedenken des Kritikers zu entkräften:

Vielleicht denken sich die Macher des Videos einen Vorspann (oder Abspann) aus, der dann in jedes Video eingefügt wird.
Zum Beispiel mit einem vorgelesenen Text im Sinne:
"Die folgenden Tipps ersetzen keine seriöse Stotter-Therapie. Es handelt sich um Tipps aus der Selbsthilfe, die von Betroffenen an Betroffene weitergegeben werden. Stottern lässt sich nicht durch wenige Tipps beheben, jedoch können kleine Tricks weiterhelfen, mit alltäglichen Sprechsituationen besser umzugehen. Weitere Infos erhaltet ihr unter (etc. pp.)"
(bzw. das, was die BVSS bereits in der Antwort schreibt, es muss nur exponiert im Video erscheinen!)

Vielleicht setzt man sich auch MIT dem Kritiker an einen Tisch und formuliert so einen Vorspann/Abspann gemeinsam.
Schade wäre es, wenn diese Video-Serie nicht weitergeführt würde, denn ich denke schon, dass sie so manchem hilfreich sein kann und gleichzeitig dazu dient, noch unentschlossene Leute der Selbsthilfe nahezubringen.
LG
Petra

#4 RE: Neue Videoserie der BVSS von Filippo 11.12.2019 13:31

Hallo zusammen,
die kritischen Kommentare auf Youtube stammen von mir. Ich habe dort keinen Account unter meinem richtigen Namen, hatte aber nach meiner Kritik mit der Geschäftsstelle der Bundesvereinigung in Köln gesprochen, so dass die Mitarbeiter dort wissen, woher die Kritik kommt. Und auch Berthold habe ich unter meinem Klarnamen schon auf seine Erwiderung geantwortet. Hier meine Antwort auf den Beitrag #2, wie sie auch auf Youtube zu lesen ist:

Hallo Berthold,
vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich möchte nicht auf alles eingehen, aber folgende Fragen möchte ich Dir doch gerne stellen:
1. Glaubst Du, dass sich Stottern im Normalfall innerhalb von fünf Minuten nachhaltig (!) verändern lässt? Ja oder nein?
2. Was suggerieren Deines Erachtens die hier bisher erschienenen Videos mit Deinen „Tipps“: dass sich Stottern innerhalb von drei bis fünf Minuten verändern lässt? Ja oder nein? (Von Nachhaltigkeit, von Transfer in den Alltag etc. sprechen diese Videos leider erst gar nicht.)
3. Glaubst Du, dass das Bild, dass diese Videos von der Veränderbarkeit des Stotterns zeichnen, stotternden Menschen eher hilft oder nicht?
Ich denke, dass sie das nicht tun, weil sie kein realistisches Bild der Veränderungsmöglichkeiten von Stottern zeichnen. Eine nachhaltige Veränderung erfordert normalerweise intensive Übungen im Rahmen eines längeren und am besten von qualifizierten Stottertherapeuten begleiteten Prozesses. Denke doch z.B. mal an Eltern von stotternden Kindern. Wenn Vater oder Mutter ein solches Video sehen, was werden sie denken und erwarten, wenn sie ihrem Kind beim nächsten Stottern empfehlen: „Atme doch mal etwas weniger Luft ein beim Hallo-Sagen.“ Oder „Sprich doch mal etwas langsamer beim Lesen.“ Was denkst Du, was sie erwarten werden?
Hinzufügen möchte ich nur noch: Es ist etwas völlig Anderes, solche „Tipps“ z.B. im Rahmen von Seminaren zu vermitteln, in denen man sie in einen mehr oder weniger systematischen und therapeutischen Kontext einbetten kann, als das in Form von Fünf-Minuten-Videos zu machen, in denen eine solche Einbettung fehlt.
Für seriöser und hilfreicher würde ich es halten, darauf hinzuweisen, welche intensiven, komplexen, oft langen und vielschichtigen Prozesse erfolgversprechende Stottertherapien normalerweise bedeuten, wenn sie nachhaltige Veränderungen des Sprechens bewirken sollen, und welche wichtigen und schönen Verbesserungen im Sprechen und Leben dann meistens dadurch möglich werden.
Filippo (wir kennen uns aus der Selbsthilfe)

#5 RE: Neue Videoserie der BVSS von PetraS 09.03.2020 17:41

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Nach der vielen Kritik seitens der Mitglieder wurde die hier angesprochene Video-Serie aus dem Netz genommen. Hierzu schreibt die BVSS in ihrem neusten Newsletter:

Zitat
In den letzten Newslettern baten wir euch um eure Eindrücke zu unseren Videos mit „Tipps für den Alltag“. Wir danken euch sehr für eure zahlreichen Rückmeldungen und Wahrnehmungen, sie haben uns geholfen die Pros und Contras zu den Filmen abzuwägen. Der Vorstand hat nun entschieden keines der Tipp-Videos zu veröffentlichen, da sie – anders als von uns beabsichtigt – auch als therapeutische Hinweise oder allgemeingültge Maßnahmen verstanden werden können.
Eure Kritik nehmen wir sehr ernst und wollen daraus lernen. Deshalb werden wir bei zukünftigen Videoproduktionen gezielt sachkundige Mitglieder bereits im Vorfeld um ihre Einschätzung zu dem Vorhaben bitten. So wird jeweils eine Art „Feedbackgruppe“ entstehen, deren Zusammensetzung je nach Zielgruppe des geplanten Videos wechseln kann. Übrigens werden wir dies nicht nur für unseren YouTube-Kanal so handhaben, sondern auch für neue Faltblätter, Bücher o.ä.

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