#1 Jemandem das Wort nehmen... von PetraS 24.02.2020 11:59

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Stotternde empfinden es als sehr unhöflich, wenn der Gesprächspartner ihnen im Falle eines Blocks das Wort nimmt.
Die meisten Stotternden regen sich darüber auf, fühlen sich bevormundet, entmündigt und sind beleidigt.

Die Frage ist nur, wie gehen Normalsprecher miteinander um?
Ich beobachte diesen Punkt bereits seit geraumer Zeit bewusst und habe so einige Erfahrungen gesammelt.

Erfahrung Nummer 1:

Ein ausländischer TV-Gast, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, ist als Interviewpartner in einem Fachgespräch. Der ausländische Gast braucht manchmal etwas länger, bis ihm ein Begriff auf Deutsch einfällt. Der Moderator der Fernsehsendung (in dem Falle eine Moderatorin) gibt ihm das Wort vor, der ausländische Gast bedankt sich höflich...

Erfahrung Nummer 2:

Zwei deutsche Gesprächspartner unterhalten sich miteinander im Radio. Der eine der beiden verhaspelt sich bei demselben Wort mehrfach. Der Moderator grätscht dazwischen und sagt das komplizierte Wort vor. Der Interviewpartner lacht über sich selbst, bedankt sich höflich, wiederholt das Wort noch einmal und setzt seinen Satz fort...

Erfahrung Nummer 3:

Eine Person erklärt einen Sachverhalt und verzettelt sich in seiner Formulierung. Das Satzende bleibt offen, das heißt er weiß nicht, wie er den Satz zu Ende bringen kann. Der Gesprächspartner bietet eine Lösung an, indem er den Satz für ihn beendet. Der Sprecher erkennt, dass der Gesprächspartner nicht exakt das sagt, was er gemeint hat und übernimmt wieder und führt den Satz so zu Ende, wie er es ursprünglich gemeint hat.

Man muss davon ausgehen, dass die obigen Situationen völlig normal sind. Würde man die Personen, denen das Wort vorgesagt wurde, im Anschluss fragen, würden sie vermutlich sagen, dass es ihnen in dem Moment eine Hilfe war.
Sie sind emotional weder "angepisst", noch geraten sie in Panik, wenn das Wort nicht von selbst kommt.

Nun stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass Stotternde in derartigen Situationen so empfindlich reagieren.
Die Antwort dürfte in ihren frühen Kindheitserfahrungen liegen. In der Erfahrung, dass andere sofort zur Hilfe springen, wenn sie sich in einem Block befinden, in dem sie sowieso emotional labil sind.

Aber ich denke, man könnte sehr viel souveräner mit derartigen Situationen umgehen, wenn man sich die obigen Fälle vor Augen führt.
Stets wird postuliert, dass man Stotternde wie jeden anderen Sprecher behandeln soll. Dass Normalsprecher sich - sofern sie gut erzogen sind - nicht ins Wort fallen und einander ausreden lassen.

Meine Lebenserfahrung sagt etwas ganz anderes. Vielleicht schaue ich auch zu viel Anne Will oder Maischberger. Normalsprecher lassen einander eben nicht ausreden, zumindest nicht, wenn sie in einer hitzigen Debatte sind.

Wenn wir Stotternden uns dessen bewusst werden, dann können wir mit derartigen Situationen viel besser umgehen. Und dann sollten wir unserem Gesprächspartner, sofern er es mit dem Vorsagen übertreibt, auch ganz offen sagen, dass wir gerne ausreden möchten und die Wörter auch selber sagen können - auch wenn es ein wenig länger dauert.

Beleidigt zu sein ist jedenfalls die falsche Reaktion. Das offene Gespräch über die Bedingungen eines wertschätzenden Dialogs halte ich für die bessere Wahl. Besser auch als den Rückzug nach dem Motto 'der wird mich sowieso wieder nicht ausreden lassen, also halte ich lieber gleich den Mund'.

Wenn Normalsprecher ohne böse Hintergedanken dem Gesprächspartner das Wort vorgeben, dann haben sie auch bei einem Stotternden keine bösen Hintergedanken, sondern wollen wirklich nur helfen. Dass sie damit das Gegenteil erreichen, wissen sie nicht.
Wenn man ihnen aber gesagt hat, dass man bitte ausreden möchte und sie einem immer noch das Wort nehmen, dann hat man allen Grund, beleidigt zu sein. Aber die Erfahrung ist eher die, dass die Person, die einem unüberlegterweise wieder das Wort genommen hat, sich sodann für ihren Faux Pas entschuldigt und Besserung gelobt.

Wie steht ihr zu diesem Thema? Welche Erfahrung habt ihr gemacht oder macht ihr noch?
Würde mich freuen, einige Meinungen dazu zu erfahren.

#2 RE: Jemandem das Wort nehmen... von Eberhard 25.02.2020 18:03

Sind wir wirklich beleidigt, Petra? Ist es nicht eher die Enttäuschung oder Niedergeschlagenheit, dass wir uns wieder mal beim Sprechen helfen lassen mussten?

Wir könnten auch durch Kopf-Nicken oder -Schütteln mitteilen, dass der Andere das Wort richtig geraten hat und dann weitermachen. Wenn wir so locker über die Situation hinweggehen, klappt das Sprechen danach sicher auch gleich besser.

Ja, man kann auch beleidigt sein, je nach persönlicher Verfassung, aber das macht es auch nicht besser.

#3 RE: Jemandem das Wort nehmen... von PetraS 25.02.2020 18:23

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Hallo @Eberhard
Ich habe ja mehrere Alternativen angeboten. Bevormundet, entmündigt, beleidigt... Man könnte noch gekränkt hinzufügen.

In jedem Falle fällt es vielen Stotternden schwer, mit der Situation umzugehen. Was dazu kommt, was ich noch nicht angesprochen hatte, ist, dass man sich ggf. gehetzt fühlen könnte. Der Stotternde braucht lange, ein Wort über die Lippen zu bringen, und der Gesprächspartner ergänzt das Wort mit dem Hintergedanken, "nun mach mal schneller". Das wiederum setzt den Stotternden unter Druck und verstärkt das Stottern noch mehr. Und darum ist es wichtig, die Fronten zu klären und offen anzusprechen, was man sich vom Gesprächspartner wünscht.

Das wird man nicht bei einer Kellnerin oder einem Eisverkäufer machen, den man nie wieder sieht, aber sicher beim Arbeitskollegen, mit dem man täglich das Büro teilt oder dem guten Freund im Sportverein, mit dem man nach dem Sport noch mal nett ein Bierchen trinkt.

Trotzdem glaube ich, dass niemals eine böse Absicht dahinter steckt. Genau so, wie es keine böse Absicht ist, wenn Normalsprecher einander den Satz beenden.

#4 RE: Jemandem das Wort nehmen... von Chiara 26.02.2020 12:32

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Ich habe die meiste Zeit meines Lebens sehr stark gestottert.
Es gab einige Leute, die meine Sätze vervollständigt haben, um mir zu helfen.
Aber nicht wenige sind mir auch mit Geringschätzung begegnet. Und diese Leute haben meine Blocks nicht selten dazu genutzt, um sich selbst besser in Szene zu setzen, um zu zeigen, dass sie mehr drauf haben als ich.

Jetzt ist es anders. Ich bin seit längerer Zeit stabil flüssig. Klar redet mir noch jemand dazwischen. Aber das ist meist im Rahmen, in dem Rahmen wie es auch häufig Flüssigsprechern passiert.
Ich bin einfach souverän geworden. Wenn mir trotzdem jemand ins Wort fällt, dann entscheide ich spontan. Ist es eine/r dieser Unverbesserlichen, die mich mit starkem Stottern kennen und ungeduldig sind. Wenn ich davon genervt bin, dann spreche ich das auch offen an.
Ab und zu belasse ich es auch dabei, empfinde es als nicht schlimm.

#5 Jemandem das Wort nehmen... von turm79 01.03.2020 08:27

Es geht um einfach Akzeptance.

Ich habe ähnliche Fälle während Deutsch Sprechens. Danach habe ich meine Gedanken so geändert, und ich werde davon nicht gestört.

1. Ich akzeptiere meinen Stottern.Ich kann derzeit nicht wie anderen sprechen.Trotzdem kann ich mich ausdrucken und ich lerne noch.

2.Unter Stress ist es schwerer einen Satz zu machen. Ich gebe meinem Gegner Signale so dass ich seine Hilfe annehme. Ich versuche nicht alles perfekt zu machen.Die Belastung wird weniger.

3.Bei jeder Erfahrung verdiene ich Selbsvertrauen. Danach kann ich das Gespräch ruhiger führen.

Wenn eine Person damit Probleme hat, bedeuet es:
1. Er hat das Stottern und die Resultate noch nicht akzeptiert.
2. Er vergleicht sich mit Normalsprechern und versucht genauso fließend zu sprechen, es ist unmöglich.
3. Wenn er immer so belastet ist, kann er niemals ruhig sprechen.

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