#1 Konzentration auf Betonung sinnvoll? von DPrell 10.04.2021 14:41

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In meiner Therapie bei ner Logopädin lenkt sie mich stärker und betonter zu sprechen. Da das viel Konzentration brauch, soll mich das vom Stottern ablenken und diesen reduzieren. Allerdings wenn ich immer erst nachdenke, wo ich Betonung setzen möchte, kommt es meist vor das ich zuerst das verkehrte betone und erst beim sprechen merke, das es sich blöd anhört. Denn eigentlich kann man in einem Satz, wie (Unser auto ist rot) jedes Wort mal betonen.
UNSER Auto ist rot.
Unser AUTO ist rot.
Unser Auto IST rot.
Unser Auto ist ROT.
Und jedesmal klingt es anders.
Ich finde Betonung so schwierig. Im Normalsprechen betone ich spontan leicht, aber meist hör ich es nicht raus. Logopädin sagt mir immer wo sie ne leichte Betonung gehört hatte und bittet es mich stärker zu betonen. Ich soll mir also immer erst nen Satz überlegen, dann welche Wörter ich betonen will und dann diese mit deutlicher Betonung im Satz hervorheben. Ich finde das dauert viel zu lange ehe man dann überhaupt spricht.
Hausaufgabe zu Freitag jedenfalls an hand eines Rezeptes die Arbeitschritte zu formulieren und dabei wichtiges deutlich zu betonen. Und das soll ich schon mal üben in dem ich mich selbst aufnehme und mir anhöre wo ich betont hab.

Was haltet ihr davon, die Konzentration auf Betonung zu lenken, sodaß weniger stottern aufkommt? Der weiche Stimmeinsatz gefiel mir besser, aber das war ihr zu eintönig, weil jedes Wort in gleichen Stimmlage und zu einschläfernd und teilweise auch immer nach 3 4 Wörten und nicht mal längere Abschnitte.

Gruß Doreen

#2 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von PetraS 11.04.2021 14:32

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Liebe @DPrell ,
deine Logopädin hat wirklich gute Ideen, um dir einen besseren Umgang mit dem Stottern beizubringen!

Zitat von DPrell im Beitrag #1
Was haltet ihr davon, die Konzentration auf Betonung zu lenken, sodaß weniger stottern aufkommt? Der weiche Stimmeinsatz gefiel mir besser, aber das war ihr zu eintönig, weil jedes Wort in gleichen Stimmlage und zu einschläfernd und teilweise auch immer nach 3 4 Wörten und nicht mal längere Abschnitte.


Betont zu sprechen bedeutet meistens auch, langsamer und bewusster zu sprechen. Allein das kann das Stottern schon reduzieren.
Sich auf "die Betonung zu konzentrieren" wiederum erscheint mir in sich ein wenig kontraproduktiv.

Sobald man sich auf etwas "konzentrieren" muss, wird es wieder anstrengend und verliert das Spielerische.
Ich halte es - das ist meine persönliche Meinung - bei einer Therapie für wichtig, dass es spielerisch und experimentierfreudig ist, dass es Spaß macht.

Alles, was dir Spaß macht, machst du gerne, alles, was mit Konzentration verbunden ist, hat den Beigeschmack, dass man es schnell hinter sich bringen will.

Ich würde dir raten, konzentriere dich nicht auf die Betonung, sondern stell dir vor, du müsstest deine Geschichte laut und deutlich vor einem Publikum erzählen/vorlesen. Versetz dich in den Modus des Vorlesers. (Du hattest das doch mal gemacht, dass du im Kindergarten den Kindern vorgelesen hast.)

Stell dir einen Redner vor, der laut und betont sein Anliegen vor Publikum vorbringt. Und dann spiel mit deiner Stimme, mit Höhen und Tiefen, mit Laut und Leise, mit rhetorischen PAUSEN!

Was du zu der unterschiedlichen Betonung von
Zitat von DPrell im Beitrag #1

UNSER Auto ist rot.
Unser AUTO ist rot.
Unser Auto IST rot.
Unser Auto ist ROT.
Und jedesmal klingt es anders.
Ich finde Betonung so schwierig.

sagst, ist nur teilweise richtig.

Es KLINGT nicht nur anders, es bekommt auch eine vollkommen andere Bedeutung. Und genau darum ist Betonung auch so wichtig. Ich kann den genau gleichen Satz unterschiedlich betonen, und mein Gegenüber erkennt allein an der Betonung, was in dem jeweiligen Satz wichtig ist.

Du kannst Betonung UND weichen Stimmeinsatz kombinieren, du musst es nur MACHEN!

Ich kenne dich ein bisschen von unseren online-Meetings, und was ich beobachtet habe, ist, dass du sehr zurückhaltend bist, die neuen Sprechweisen auszuprobieren. Du erzählst, was du machen möchtest oder machen sollst, du wirkst aber wenig überzeugt und scheinst ein Problem damit zu haben, dich zu überwinden, es mal auszuprobieren.
Gerade im Übungsraum "Gruppenabend Stotterer-Selbsthilfe" hast du die besten Zuhörer, die dich bei deinen Übungen unterstützen. Leute mit Verständnis, Leute mit Selbsterfahrung, Leute, die niemals schlecht über dich denken oder urteilen würden, die dir aber auf Wunsch auch ein ehrliches Feedback geben.

Was dir zum Beispiel auch helfen könnte, wäre sowas wie ein Theater-Workshop, Impro-Theater oder ähnliches, aber all das ist ja gerade wegen Corona nicht möglich.

Du hast aber Glück, Dienstag, um 19:30 Uhr haben wir unser nächstes Meeting mit dem Thema "Stegreifreden". Da passt dein Anliegen wunderbar rein.
Ich freue mich, wenn du Dienstag mal wieder bei uns sein und dort dein Anliegen mit uns anderen üben kannst.

Den Link findest du hier https://stottern.koeln/events/stegreifreden2/
Bis bald
Petra

P.S.: Und was noch zu Konzentration zu sagen ist: Viele Stotternde berichten, dass wenn sie sich auf etwas anderes konzentrieren als auf ihr Sprechen und das mögliche Stottern, dann sprechen sie flüssiger. Dies ist sogar hirnphysiologisch erklärbar und wird auch bei @Torsten Hesse in seiner Stottertheorie aufgegriffen. Einige konzentrieren sich zum Beispiel auf das Klingen der Vokale A, E, I, O, U, einige achten auf den Klang ihrer Stimme, einige versuchen, nur an das Sprechtempo zu denken oder versuchen die Sprechbewegungen wahrzunehmen. All das reduziert das Stottern indirekt dadurch, dass wir uns auf andere Dinge konzentrieren als aufs einfache Sprechen. Wichtig ist dabei, mit welcher inneren Haltung du an diese Fakten rangehst. Ist es dir unheimlich wichtig, unbedingt flüssig zu sprechen, so ist jeder Versuch von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Besser ist es, du spielst mit deiner Stimme, du versuchst mal lauter, mal leiser, mal betonter und mal monotoner zu sprechen und lässt dich vom Ergebnis überraschen.

#3 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von DPrell 11.04.2021 16:08

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Ich hab ein großes Problem mit im Mittelpunkt zu stehen. Das mit lesen im Kindergarten hatte ich vor, aber es kam nie dazu, konnte mich nicht überwinden. Die Hemmungen sind da einfach immer zu groß. Mir hat das alleine im Cafe, der maßnahme damals, zu bedienen schon zugesetzt und den Stress dadurch, das der Körper mit Schwindel reagiert hat und ich nicht mehr dorthin konnte, weil nicht mal Schritt vor die Tür konnte. Und ich mir Hilfe suchen musste.
Bin schon immer nur Mitläufer gewesen, selber an Forderster Front ging nicht. Auch im Schulchor, was Spass machte, aber die Auftritte mochte ich nicht, weil stand immer in der ersten Reihe mittig und bin regelmäßig umgekippt, weil Kreislauf nicht mit machte.

Ich bezweifle, jemals so selbstbewusst zu sein, um im Mittelpunkt stehen zu können.

Gruß Doreen

#4 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von PetraS 12.04.2021 18:12

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Hallo, liebe @DPrell

Zitat von DPrell im Beitrag #3
Ich hab ein großes Problem mit im Mittelpunkt zu stehen. Das mit lesen im Kindergarten hatte ich vor, aber es kam nie dazu, konnte mich nicht überwinden. Die Hemmungen sind da einfach immer zu groß.

Leider kann ich dir da keine guten Tipps geben. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass du dich unwohl fühltest bei unseren Online-Meetings, im Gegenteil, ich habe mich über deine Offenheit sehr gefreut.

Mir kommt es nie so vor, als würde jemand, der bei uns in der analogen oder digitalen Gruppe das Wort erhebt, im Mittelpunkt stehen. Es ist eine ganz andere Situation als früher in der Schule, als man als "der Stotterer" angestarrt wurde, wenn man nicht gleich geantwortet hat.
In der Gruppe hat man Leute um sich, die das alles in derselben oder ähnlicher Form erlebt haben, und die alle eine eigene Strategie entwickelt haben, mit der Situation fertigzuwerden.
Eben darum machen wir diese Übungen ja gemeinsam und nicht allein für uns.

Ich möchte dich nur ermutigen, dich bei uns einzuwählen. Vielleicht kannst du ja etwas für dich persönlich mitnehmen!
LG Petra

#5 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von Chiara 17.04.2021 22:57

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Liebe @DPrell

das hört sich für mich anstrengend an. Du hast zuvor den weichen Stimmeinsatz geübt. Kann es sein, dass diese Sprechweise noch nicht so ganz gefestigt war?

Bei mir war es so, dass ich mich erst stärker auf die Betonung konzentrieren konnte, nachdem ich durch den weichen Stimmeinsatz und die Dehnungen zu einer einigermaßen stabilen Sprechweise gefunden hatte. Erst dann war ich in der Lage, mit dem Stimmvolumen und der Betonung zu experimentieren und auch Pausen einzubauen.

Im übrigen geht es mir jetzt ganz ähnlich mit dem Einsatz von Pseudostottern. Da sperrt sich in mir immer noch etwas dagegen. In den Zoom-Meetings kriege ich es immer noch ganz gut hin. Draußen aber kommt es nur sehr vereinzelt und zögerlich. Und das obwohl ich weiß, dass dieses "Easy Stuttering" meinen Sprechfluss noch lockerer macht.

Wer oder was hindert mich daran? Ich steh mir wieder mal selbst im Weg und wundere mich dann auch noch, wenn ich wieder in alte Sprechmuster verfalle und abstürze.

Und wer hindert dich daran, in der Selbsthilfe mehr auszuprobieren?

Ich hab mir jetzt vorgenommen, wieder mehr zu experimentieren.

Liebe Grüße und viel Erfolg!
Chiara

#6 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von DPrell 20.04.2021 07:44

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Der war noch nicht gefestigt, aber es kam ihr ihr natürlich rüber. Zu sehr immer im gleichen rhythmus und meist immer nach weichen einsatz 4 5 wörter und dann der nächste, anstatt mal bis zum Komma oder punkt durch zuziehen.
Da dss im freien sprechen am freitag nicht so geklappt, wieder schritt zurück auf textebene. Rezeptanleitung in Sätze notieren, hier daheim anstreichen wo ich betonen will und ihr es betont vorlesen und sie macht sich notizen wo sie die betonung gehört und dann wird verglichen. Text ist schon geschrieben, aber noch nicht angehakt wo ich betonen will. Ich häng den Text mal dran.

Grüße doreen

#7 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von Chiara 20.04.2021 12:19

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Hallo Doreen,

Zitat von DPrell im Beitrag #6
und meist immer nach weichen einsatz 4 5 wörter und dann der nächst


Ich handhabe es immer so: weicher Stimmeinsatz und nach dem 3. oder 4. Wort baue ich eine Dehnung (Prolongation) ein. Oder ich ziehe gleich den weichen Stimmeinsatz noch meeeehr in die Länge.
Das kann natürlich genausogut mit Betonung funktionieren.

Wenn ich auf diese Weise zu einer ruhigen und gelassenen Sprechweise gelangt bin, dann klappt das mit der richtigen Betonung ohne größeres Dazutun.
Finde heraus, was für dich selbst am besten ist und experimentiere ruhig weiter.

Liebe Grüße
Chiara

#8 RE: Konzentration auf Betonung sinnvoll? von Ruhrfreund 23.04.2021 23:03

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Hallo Doreen,
ich möchte einmal ganz auf den Beginn deines Themas zurückgehen. Deine Therapeutin hatte angeregt, die Betonung bewusst(er) auszuführen um von dem Sprechen als komplexer Vorgang ein wenig abzulenken und der Sprechvorgang leichter durchgleitet. Dass die Betonung in der gesprochenen Sprach wichtig ist hast du schon am Beispiel des "roten Autos" beschrieben. Dass fast jeder Satz oder Phrase je nach Betonung eine andere Aussage hat, das lassen wir jetzt mal weg. Zur Zeit hilft es dir (noch) nicht auf die Betonung zu achten weil zuviel "Kopfarbeit" den ganzen Sprechvorgang durcheinander bringt.
Die Therapeutin dachte sich bei Beachtung der Betonung auf eine Art Ablenkung, oder eine Vehikel, ein Fahrzeug, das wie von alleine fährt und die gesprochene Sprache als "blinder Passagier" oder "Schwarzfahrer" einfach mitfährt.
Ein Gedanke von mir ist folgender: Wenn du alleine bist und dir irgendetwas sagst, du hast bestimmt irgendeinen Satz, Werbespruch, eine Ansage im Kopf die du alleine ganz prima mit Betonung und Ausdruck sagen kannst. Bühnenreif. Irgendsowetwas hast du bestimmt. Versuche herauszufinden was "dein Satz" sprachlich, nicht die Worte sondern Betonung, Melodie, Singsang oder Dialekt ausmacht.
Bei mir war es der Werbeslogan im Hörfunk einer bekannten Burger-Kette: "la lala la la, wir lieben es". Im original wurde der Satz von Profi-Werbesprecherinnen aufgesagt. Als Stotterer mit starker Symptomatik sagte ich den Satz für mich immer auf, bis ich ihn perfekt konnte, genasuso in der gleichen Meldoie und Ausdruck wie die Sprecherin, nur mit meiner Stimme.
Nun kommt der Witz an der Sache: Die Intonation oder Betonung im dem Satz "wir lieben es" habe ich mir für die ein oder andere Redefloskel für den Alltag geklaut. Aus dem Satz Wier lieben es" wurde eher eine Rythmus oder eine Melodie ta ta - ta taaaa oder eins, zwei, kurze pause drei viiieeer ganz lang.
Mit dieser "Meldodie" als Vehikel schaffe ich es Sätze oder Fragen ohne Block an mein Gegenüber herüberzubringen. Da spielt es auf einmal keine Rolle, welche Angstwörter, Anschlagkonsonanten k-kkkk-kkkk oder andere Übeltäter in dem Satz eingebaut sind.
Etwas anders ist Stimmen oder Dialekte zu imitieren oder Schauspieler*in zu sein. Früher war es mit hanseatischen Dialekt der Alt-Kanzler Helmut Schmidt oder sein Gegenspieler aus Bayern Franz Josef Strauß. Oder der Wolf von den sieben Geislein. Im Schauspiel oder wenn wir herum albern lenkt die Annahme einer anderen Figur oder Rolle uns von unserem Stottern ab und wir staunen selber was auf einmal geht.
Nun für dich, versuche herauszufinden welche Sätze, Phrasen oder Figuren aus Film und Fernsehen es gibt, die du gut und gerne kannst und dir gefallen, versuche herauszufinden was es an diesen Sätzen oder Sprechweisen ist, und versuche diese Melodien oder Akzente oder Sprechweisen in Alltagssätze einzubauen.
Versuche deine Sprache zu finden, deine Sprache deine Stimme die dir gefällt. Experimentiere viel. Wenn du alleine spazieren gehst oder zu Hause herumwuschelst, führe Selbstgespräche und spiele mit deiner Sprache, probiere aus.
LG Johannes

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