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#1 Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 21.04.2021 13:43

Hallo zusammen,

ich möchte Euch zu diesem neuen Forum beglückwünschen und einen kleinen Beitrag aus der Sicht eines nicht stotternden Gesprächspartners liefern.

Kurz zu Anlass und meinem Hintergrund: Ich habe mich vor etwa acht Jahren mal ziemlich intensiv in einem Vorgängerforum mit dem Thema "Stottern" beschäftigt, weil ich erstmals überhaupt Kontakt zu einem Betroffenen hatte, und das auch noch ziemlich eng und regelmäßig. Ein paar Namen hier im Forum sind mir aus dieser Zeit auch noch geläufig (Hallo Petra! :-)).

Nun ist viel Zeit ins Land gegangen und in all den Jahren gab es - wenn ich darüber nachdenke - nur insgesamt fünf kleine Begegnungen mit Stotternden, die mich dann zwar kurzfristig beschäftigt haben, aber eben auch nicht besonders nachhaltig. Ich hatte das Thema ehrlich gesagt total für mich abgehakt und mich nicht mehr damit großartig damit befasst. Das ist jetzt aber anders, weil ich vor ein paar Wochen doch wieder einen Betroffenen kennen gelernt habe und dieser Umstand veranlasst mich jetzt zu diesem kurzen Beitrag.

Es ist nämlich so, dass ich bei dieser Person total toll finde, wie sie mit der Symptomatik umgeht. Das ist jemand, der sehr regelmäßig und auf verschiedene Arten und Weisen stottert (meine Erfahrung von damals hat mir einen ziemlich guten Blick bzw. ein ziemlich gutes Ohr dafür gegeben, was alles Stottern ist) und dabei - so mein Eindruck im Gespräch - irgendwie ruhig und gelassen bleibt. Dadurch habe ich mich als Zuhörerin (und Gesprächspartnerin) total entspannt und es war Raum für richtig angenehme Gespräche in sehr gelöster Atmosphäre.

Und noch etwas ist mir dabei aufgefallen: Ich habe in letzter Zeit des Öfteren bemerkt, dass ich einige wenige meiner nichtstotternden Freunde oder Bekannte irgendwie unauthentisch finde und ich merke, dass ich dadurch abgeschreckt bin und die Freundschaften oder Bekanntschaften daher irgendwie nicht tiefer werden. Das hat jetzt nichts mit Stottern zu tun, sondern ich spreche hier von Normalsprechern, ich weiß nicht, ob ihr das kennt. Personen, die ihr zwar mögt, aber die irgendwie nicht richtig "rund" sind oder bei denen man den Eindruck hat, dass sie sich "mit angezogener Handbremse" darstellen und verhalten. Bei denen man das Gefühl hat, dass sie sich nicht richtig zeigen oder vielleicht sogar die Verbindung zu ihrem eigenen Innenleben verloren haben. Dagegen jetzt meine Begegnungen mit dem Bekannten, der stottert, ganz anders: Ich glaube, ich fand ihn unter anderem auch deshalb so sympathisch, weil er auf mich so "echt" wirkte und nicht gekünstelt. Er verstieg sich nicht in komische Formulierungen (gerade denke ich an die Anfangszeit mit meinem damaligen Kommilitonen), sondern sagte nach meinem Eindruck überwiegend das, was er sagen wollte, und wenn es sein musste, dann stotterte er es eben. Fand ich total gut, weil ich mir dann sicher war, dass er es wirklich so meinte, wie er es sagte. Außerdem gefiel mir der Inhalt. Und ich fand auch, dass er durch diesen Umgang mit dem Stottern total selbstbewusst rüberkam.

Ihr seht, mein Text ist jetzt zu einem Plädoyer für mehr Echtheit und weniger (bzw. gar kein) Verbergen geworden, womit ich natürlich nicht meine, dass man an seinem Sprechen nicht arbeiten soll, wenn man es möchte. Aber ich hatte schon lange - auch damals - den Verdacht (und damals zwischenzeitlich auch gesehen), dass es wirklich für alle Beteiligten leichter ist, wenn der Stotternde Inhalte nicht zu Gunsten einer aus seiner Sicht vorzugwürdigen (vermeintlichen) Ästhetik opfert.

Ich wünsche Euch eine gute Woche und freue mich, falls Euch zu meinem Text etwas einfällt. :-)

#2 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von PetraS 25.04.2021 16:17

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Hallo @grow_slowly ,
ich weiß genau, wer du bist und erinnere mich auch an den Thread mit über 100 Beiträgen, der sich überwiegend zwischen dir und einem damals sehr aktiven User abgespielt hat. (Frage einer Flüssigsprechenden ...)

Das war eigentlich vor meiner Zeit im BVSS-Forum, und dennoch hatte ich mir die Mühe gemacht, den ganzen Thread zu lesen. Und ich hatte mich die ganze Zeit - wie sicher viele andere auch - ständig gefragt: "Warum spricht sie den Bernd denn nicht endlich mal darauf an?"

Die Frage hast du übrigens nie beantwortet: Ob du es am Ende doch gemacht hast oder nicht.

Zitat von grow_slowly im Beitrag #1

Es ist nämlich so, dass ich bei dieser Person total toll finde, wie sie mit der Symptomatik umgeht. Das ist jemand, der sehr regelmäßig und auf verschiedene Arten und Weisen stottert (meine Erfahrung von damals hat mir einen ziemlich guten Blick bzw. ein ziemlich gutes Ohr dafür gegeben, was alles Stottern ist) und dabei - so mein Eindruck im Gespräch - irgendwie ruhig und gelassen bleibt. Dadurch habe ich mich als Zuhörerin (und Gesprächspartnerin) total entspannt und es war Raum für richtig angenehme Gespräche in sehr gelöster Atmosphäre.

Ob die Person es im Zuge einer Therapie gelernt hat oder es von sich aus macht - aber genau das steht im Kern der meisten seriösen Therapiekonzepte.
Während des Stotterns ruhig bleiben können und sich entweder locker durchstottern oder mit einem sympathisch klingenden weichen Stimmeinsatz das Problemwort zu überwinden.
Zitat von grow_slowly im Beitrag #1
Und noch etwas ist mir dabei aufgefallen: Ich habe in letzter Zeit des Öfteren bemerkt, dass ich einige wenige meiner nichtstotternden Freunde oder Bekannte irgendwie unauthentisch finde und ich merke, dass ich dadurch abgeschreckt bin und die Freundschaften oder Bekanntschaften daher irgendwie nicht tiefer werden. Das hat jetzt nichts mit Stottern zu tun, sondern ich spreche hier von Normalsprechern, ich weiß nicht, ob ihr das kennt. Personen, die ihr zwar mögt, aber die irgendwie nicht richtig "rund" sind oder bei denen man den Eindruck hat, dass sie sich "mit angezogener Handbremse" darstellen und verhalten.

Ich finde es gut, dass du dieses Thema hier mal ansprichst. Gerade die Stotternden sind oft so auf sich selbst fixiert und darauf, wie sie nach außen hin wirken bzw. NICHT wirken wollen, dass ihnen völlig entgeht, dass auch Normalsprecher häufig ein Problem damit haben, wie sie sich darstellen.
Oder zumindest in einem Alter, in dem es üblich ist, dass man viele neue Freundschaften und Bekanntschaften schließt (Schule, Uni, Beginn des Arbeitslebens), sind viele nicht wirklich authentisch. Ich nenne das immer eine Diskrepanz zwischen Schein und Sein.
Vielen Stotternden ist es wichtig, dem Schein nach Normalsprecher zu sein, und sie fühlen sich stets als Versager, wenn sie doch als Stotternde entlarvt werden. Sie stehen nicht zu ihrem Sein, ihnen mangelt es an Akzeptanz.
Zitat von grow_slowly im Beitrag #1

Dagegen jetzt meine Begegnungen mit dem Bekannten, der stottert, ganz anders: Ich glaube, ich fand ihn unter anderem auch deshalb so sympathisch, weil er auf mich so "echt" wirkte und nicht gekünstelt. Er verstieg sich nicht in komische Formulierungen (gerade denke ich an die Anfangszeit mit meinem damaligen Kommilitonen), sondern sagte nach meinem Eindruck überwiegend das, was er sagen wollte, und wenn es sein musste, dann stotterte er es eben. Fand ich total gut, weil ich mir dann sicher war, dass er es wirklich so meinte, wie er es sagte. Außerdem gefiel mir der Inhalt. Und ich fand auch, dass er durch diesen Umgang mit dem Stottern total selbstbewusst rüberkam.

Es ist sehr schön, ein solches Feedback von einer Nicht-Stotternden zu hören. Einfach mal zu lesen, wie es auf einen wirkt, wenn jemand MIT dem Stottern selbstbewusst und authentisch rüberkommt.
Ich bin dankbar, in meiner frühesten Jugend auch so einem Jungen begegnet zu sein, der für mich der Schlüssel dafür war, mich als Stotternde zu outen und zu meinem Stottern zu stehen.
War ich doch durch meine Erziehung darauf konditioniert: egal was ich mache, Hauptsache keine Laut- bzw. Silbenwiederholungen. Denn das wäre ja Stottern und Stottern ist böse.
Zitat von grow_slowly im Beitrag #1

Ihr seht, mein Text ist jetzt zu einem Plädoyer für mehr Echtheit und weniger (bzw. gar kein) Verbergen geworden, womit ich natürlich nicht meine, dass man an seinem Sprechen nicht arbeiten soll, wenn man es möchte. Aber ich hatte schon lange - auch damals - den Verdacht (und damals zwischenzeitlich auch gesehen), dass es wirklich für alle Beteiligten leichter ist, wenn der Stotternde Inhalte nicht zu Gunsten einer aus seiner Sicht vorzugwürdigen (vermeintlichen) Ästhetik opfert.

Es gibt Untersuchungen darüber, wie Stotternde auf Nicht-Stotternde wirken und was die Nicht-Stotternden empfinden, wenn ihr Gegenüber stottert. Leider kann ich keine konkreten Quellenangaben machen, aber es ist häufig die Rede von Spiegelneuronen.
Vielleicht kann @Eberhard dazu was sagen, ich meine, er hatte im alten Forum mal was dazu geschrieben.

Wenn ich mich recht erinnere, geht es dabei darum, dass die verkrampfte Haltung eines Stotternden sich auch beim Gesprächspartner als Verkrampftheit und Unwohlsein widerspiegelt. Anders wenn der Stotternde in sich gelassen und ruhig ist und lo-lo-lockere Wi-Wi-Wiederholungen zeigt, dann ist auch der Zuhörer sehr viel entspannter und kann sogar über die gestotterten Silben hinweghören.

Dies gehört übrigens zu dem sehr verbreiteten Therapie-Konzept nach Charles Van Riper, auch als Modifikations-Therapie bezeichnet.

Und was auch noch zum authentisch-Sein dazugehört: Es gibt Therapie-Konzepte, die basieren darauf, die komplette Sprechweise so umzumodeln, dass erst gar kein Stottern entstehen kann. Hierzu gehört z.B. die Kasseler Stotter-Therapie. Wenn man sie so umsetzt, wie sie gelehrt wird, muss man die Wörter immer weich beginnen und miteinander verbinden, dass praktisch keine Pausen zwischen den Wörtern entstehen.

Nun kenne ich viele, die diese Therapie gemacht haben, bei denen man aber im Sprechen keine Spur davon wiedererkannt. Und wenn man sie fragt, warum sie das überhaupt nicht umsetzen, dann sagen sie: "Weil ich dann nicht ich bin." Oder: "Bevor ich den ganzen Tag so komisch rede, stottere ich lieber."

Ich möchte dich hiermit ermutigen, deinen neuen stotternden Bekannten mal zu fragen, ob er diese schöne Einstellung in einer Therapie gelernt hat oder von selbst drauf gekommen ist. (Meistens wird man ja ständig zu irgendwelchen Therapeuten geschleppt, wenn man selbst sowas noch nicht entscheiden kann.)
Du könntest es wie folgt einleiten: "Mir ist nicht entgangen, dass du immer wieder mal stotterst, aber ich finde es faszinierend, welch tollen Umgang du damit hast. Ich habe mich früher schon mal intensiv mit dem Thema befasst und ich finde, du wirkst mit dem Stottern viel authentischer als die meisten Leute, die normal sprechen. Darum würde mich interessieren..."

Glaub mir, wenn du die Frage so einleitest, müsste der Typ ein A... sein, wenn er negativ darauf reagiert.
Ich habe erst letzte Woche beim Autoservice zufällig einen stotternden Mechaniker kennengelernt. Da er fast 20 Minuten an meinem Auto rumgefummelt und mir so einiges erklärt hat, habe ich natürlich sofort gemerkt, dass er stottert. Ich habe ihn dann beim Bezahlen drauf angesprochen. Er kam dann mit den üblichen Floskeln, dass das immer ist, wenn er aufgeregt ist und manchmal gar nicht... Und wenn er singt auch nicht... Und bei seinen Freunden ebenfalls nicht... Ich habe ihm nur gesagt, dass ich das alles weiß, weil ich selber stottere und sogar 2. Vorsitzende der Selbsthilfe bin.
Wir gingen mit einem lachenden Gesicht auseinander und ich versprach, dass ich beim nächsten Mal mit meinem Auto wieder zu ihm kommen werde...
LG Petra

#3 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Eberhard 25.04.2021 22:16

Das mit der Authentizität ist ein interessantes Thema. Es ist nicht einfach, authentisch zu sein. Man braucht ein Problem, mit dem man sich ehrlich auseinandersetzen kann, um authentisch zu wirken. Stotternde haben so ein Problem und können dann authentisch wirken. In unserer heutigen Zeit mit dem alles überwuchernden und die Sinne vernebelnden Medienrummel ist es halt schwer, authentisch zu bleiben. Also lieber öfter abschalten und sich mal mit sich selbst auseinandersetzen.

Es hilft auch beim Stottern: Seine Gedanken vom Stottern weg auf die anderen Gedanken richten, die in einem immer so hoch kommen. Ich habe gerade ein für mich sehr nützliches Buch gelesen: ‚Die Othello-Falle‘, mit dem Nebentitel ‚Du sollst nicht alles glauben, was du denkst‘. Es handelt von Selbsttäuschungen und wie diese unser Leben bestimmen.

Dazu habe ich eine provokante These: Auch Stottern ist eine Selbsttäuschung, die durch jahre- und jahrzehntelange Erfahrung gefestigt ist. Aber eben: Erfahrungen können Selbsttäuschungen sein. Dieser Gedanke hat auf mich eine befreiende Wirkung. Ich werde nie wieder etwas nicht sagen, weil ich fürchte zu stottern. Aber ich werde sehr wohl etwas nicht sagen, wenn ich das Gefühl habe, nicht genügend darüber nachgedacht zu haben und unsicher zu sein. Oder ich teile meine Unsicherheit darüber mit ehe ich was sage.

Ist Stottern-Vermeiden wirklich der Versuch, nicht zu sprechen, um Stottern zu vermeiden? Ist es nicht eigentlich der Wunsch, Sprechen zu vermeiden und wenn wir es dann doch tun, geht es dann halt nur mit Stottern? Sprechen vermeiden, weil wir das Gefühl haben, dabei nicht authentisch zu sein, weil wir uns zu viel mit dem Stottern und zu wenig mit unseren davon unabhängigen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen?

Menschen sind mir beim Stottern überwiegend mit Mitgefühl und Empathie begegnet. Seltener mit Unsicherheit und Verwirrung und nur vereinzelt mit Gelächter. Letzteres sollte man nicht ernst nehmen, das sind Menschen, denen es nicht gut geht und die lachen müssen, wenn sie jemandem begegnen, von dem sie den Eindruck haben, dass es ihm noch schlechter geht.

#4 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von PetraS 26.04.2021 11:56

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Hallo @grow_slowly ,
wieso verweise ich eigentlich auf einen Thread über Spiegelneuronen in einem nicht mehr existierenden Forum, wenn wir hier doch einen bereits haben.
Spiegelneuronen und deren Einfluss auf die Kommunikation
Viel Spaß beim Lesen!
Petra

#5 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Eberhard 26.04.2021 16:34

Mit Hilfe der Spiegelneuronen können wir uns einfühlen in das, was andere Menschen tun, und das dann vielleicht so gut es geht nachzuahmen versuchen. Das funktioniert beim Sport, wenn ich eine Übung des Sportlehrers beobachte und dann nachzuahmen versuche. Bei Sprechen funktioniert es kaum. Sonst würden wir ja alle bald nicht mehr stottern, weil wir ja ständig von Menschen umgeben sind, die nicht stottern. Aber Stottern ist ja auch kein Problem des Sprechen-Könnens. Das können wir eigentlich alle. Die Frage ist, was uns daran (zeitweise) hindert.

Stottern ist ein sehr komplexes Problem, und für komplexe Probleme gibt es nur komplexe Lösungen. Jedoch können viele einfache Teillösungen in der Summe doch zu der benötigten Komplexität beitragen.

Es hilft sicher, Selbsttäuschungen (z.B. Ich bin ein Stotterer und bleibe das bis zu meinem Lebensende) aufzudecken und sich davon zu trennen.

Ich denke eine Rolle beim Stottern spielt auch die bekannte Amygdala, die vereinfacht gesagt für Furcht, Angst und Aggression zuständig ist. Diese ist aber, was viele nicht wissen, kognitiv sehr beeinflussbar. Was immer wir denken, schlägt sich im Vehalten der Amydala nieder.

Deswegen solten wir alle darausf achten, unserer Amygdala die richtigen Information zu vermitteln. Da sind depressive Gedanken gar nicht nützlich (Depressionen entehen überwiegend aus Selbsttäuschungen). Da ist es sehr hilfreich, sich (also seiner Amygdala) jeden Tag ein paar Mal zu sagen: Ich muss gar nicht stottern, das ist ein Irrtum. Konsequent durchhalten, auch wenn die Wirklichkeit scheinbar dagegen spricht. Sie muss es lernen, durch Beharrlichkeit, bis sie es kapiert hat.

#6 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Eberhard 26.04.2021 18:25

Ich fühle mich eigentlich nicht so besonders wohl, wenn ich euch hier meine psychologischen "Weisheiten" auftische. Also nehmt das mal nicht so ernst.

#7 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von PetraS 26.04.2021 19:06

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Lieber @Eberhard ,
Fühl dich frei, hier zu äußern, was du möchtest.
Jeder hat seinen Weg und seine Ideen.
Alles, was einen bereichern kann, ist zulässig.
Ob man die Ideen anderer für sich annimmt, entscheidet jeder für sich.
LG
Petra

#8 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Eberhard 28.04.2021 11:45

Ich schrieb: "Da ist es sehr hilfreich, sich (also seiner Amygdala) jeden Tag ein paar Mal zu sagen: Ich muss gar nicht stottern, das ist ein Irrtum."

Ich mache das seit 2 Wochen. Und es hat ungeahnte Auswirkungen. Der Einfluss auf das Stottern ist nur indirekt. Es hilft vor allem, die Angstreaktionen der Amygdala abzubauen. Es ist gut, dabei tatsächlich die Vorstellung zu haben, du teilst so mit deinem präfrontalen Kortex (der beim bewussten Denken und Entscheiden aktiv ist) deiner Amygdala mit, dass ihre Angst- und Furchtreaktionen beim Sprechen unbegründet sind.

Der Effekt ist groß: Ich kann unbelastet sprechen und während des Sprechens laufend entscheiden, wie das, was ich sagen möchte, sich weiterentwickelt. Ich kann die Gedanken kontrolliert in Sprechen umsetzen, so wie sie kommen.

Ich habe oft gesagt, es wäre besser, sich zu überlegen, was man sagen möchte, statt sich auf das Nicht-Stottern zu konzentrieren und stelle nun fest, daß das automatisch so ist, wenn die Angstreaktion weg ist.

Also: Wenn die Angst weg ist, rede ich das, was mr in dem Augenblick gerade zu einem Thema einfällt und das ändert sich während des Sprechens. Ich muss mir nicht mehr die Sätze zurecht legen, die ich mitteilen will. Ich kann den Inhalt meines Sprechens auf die Reaktion des Gesprächspartners laufend anpassen. Und auch mal unterbrechen, um mich neu zu orientieren. Ich habe ein Thema im Kopf und rede dann einfach, was mit dazu laufend einfällt, oder auch nicht, wenn mir nichts dazu einfällt.

Wenn die Angst weg ist, ist die Freiheit des Redens wieder da.

Die Amygdala ist sehr empfänglich für Mitteilungen des präfrontalen Kortex. Ich kann das an einem Beispiel erläutern: Eine junge Frau hatte eine plötzliche und heftige Fischallergie. Beim Fischessen war ihr Mund- und Rachenraum so angeschwollen, dass sie zu ersticken drohte. Das kann verschiedene Ursachen haben. Die Amygdala reagiert drauf heftig. Sie bekam danach allergische Reaktionen, wenn sie Fisch nur sah oder wenn sie in der Nähe von jemandem war, der gerade Fisch gegessen hatte. Ich hatte ihr empfohlen, jeden Tag immer wieder mal zu sich zu sagen, dass Fisch nur gefährlich werden kann, wenn man ihn isst, aber nicht, wenn man ihn riecht oder berührt. Das hat nach ein paar Tagen funktioniert, Sie isst heute weiterhin keinen Fisch, aber sie kann für ihre Familie wieder Fisch zubereiten, ohne allergische Reaktionen zu bekommen.

Nun ist Stottern eine komplexere Geschichte als diese vom Fischessen, aber auch hier gilt, dass Angst blockiert und ohne Angst alles entspannter und locckerer wird. Stottern ist aus meiner Sicht nicht heilbar, ohne dass die damit verbunden Angstgefühle aufgelöst werden. Wenn die Amygdala nicht mehr mit Angstgefühlen blockiert, kann der frontale Kortex wieder seine Kontrollfunktion beim Sprechen ausüben. Und wenn noch andere Angstgefühle da sind, sollte man die gleich auch noch bearbeiten.

Ich hoffe, es ist nicht zu schwer zu verstehen.

#9 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Eberhard 02.05.2021 16:08

Die Falle hat mal wieder zugeschnappt. Nach 2 Wochen war er Effekt wieder weg. Ich habe schon oft mitgeteilt, ich würde jetzt nicht mehr stottern. Das hat auch jedes Mal gestimmt, aber es war nie von Dauer. Woran kann es liegen, dass ich das stotterfreie Sprechen nie auf Dauer und endgültig durchhalten konnte? (Ich mag den Ausdruck ‚stotterfrei‘ lieber als ‚flüssig‘, wer spricht schon flüssig außer einer Roboterstimme?). Es war allerdings bei mir auch schon immer situationsbezogen, weshalb ich oft geglaubt habe, es sei vorbei und dann kam doch wieder eine Situation mit Stottern.

Jetzt habe ich also herausgefunden, dass der Stoff Dopamin im Gehirn sich sehr günstig auf stotterfreies Sprechen auswirkt. Dopamin wird ausgeschüttet bei einer positiven Erwartungshaltung. Jedoch wird im Fall einer Erwartungshaltung von 90 % genau so wenig Dopamin ausgeschüttet wie bei 10 %. Die größte Menge Dopamin wird ausgeschüttet bei einer Erwartungshaltung von 50 % (Robert Sapolski in ‚Die Biologie des menschlichen Verhaltens‘).

90 % ist ja aber auch keine wirkliche Erwartungshaltung mehr, man geht dann fest davon aus, dass es klappt und das funktioniert beim Stottern nicht. 50 % heißt, die Wahrscheinlichkeit ist groß, aber es ist auch kein Weltuntergang, wenn es nicht klappt. Das führt zu einer entspannten Einstellung, die eine gute Voraussetzung für stotterfreies Sprechen ist. Gewöhnung lässt die Dopamin-Ausschüttung auch wieder zurückgehen. Also es gilt, bei der 50 % - Erwartung zu bleiben. Mal sehen, wie lange ich es diesmal durchhalte.

Natürlich, hat man dann plötzlich wieder Angst vor dem Sprechen oder fällt in eine Depression zurück, dann geht stotterfreies Sprechen gar nicht. Aufmerksamkeit auf das, was in einem gerade vorgeht, ist in jedem Fall sehr hilfreich. Stottern scheint mir ein Konflikt zwischen Kognition und Emotion zu sein, wenn das wieder harmonisch zusammengeht, könnte es sich auflösen.

Interessant ist, dass das Stottern bei mir immer stark nachgelassen hat, wenn ich mit anderen Stotternden spreche. Es hilft einfach, einem Menschen gegenüber sein, der dasselbe Problem hat.

Es gibt noch etws anderes, was dazu kommen muss, um stotterfrei zu sprechen, aber das kann ich noch nicht beschreiben.

Wenn ich mit dem, ws ich hier schreibe, im falschen Beitrag bin, kann Petra ja daraus einen neuen machen.

#10 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von Chiara 02.05.2021 18:31

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Zitat von Eberhard im Beitrag #6
Ich fühle mich eigentlich nicht so besonders wohl, wenn ich euch hier meine psychologischen "Weisheiten" auftische. Also nehmt das mal nicht so ernst.


Hallo @Eberhard

Auch bei mir ist vieles Kopfsache geworden, zumindest zu einem großen Teil; mein Stottern sowieso, aber auch andere meiner gesundheitlichen Probleme, speziell mein Bluthochdruck.

Ich bin noch nicht ganz im Rentenalter, hab momentan nicht viel Zeit, um mich weiter hinein in dieses faszinierende Thema zu vertiefen indem ich Bücher lese, und so finde ich deine Beiträge sehr interessant, auch wenn für mich so manches (noch) nicht so ganz begreifbar ist.

#11 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 12.05.2021 23:40

Hallo zusammen,

Danke für Eure Antworten und entschuldigt meine späte Reaktion, aber Corona wirbelt auch in meinem Leben einiges durcheinander.

Eins vorab, weil Du gefragt hast, Petra: ich habe meinen Kommilitonen damals nie darauf angesprochen, dass er stottert, aus verschiedenen Gründen. Es hat sich nicht ergeben und ich wusste nicht, wie ich es ansprechen könnte. Wie soll man das auch fragen/ansprechen? Wie hast Du den Kfz-Mechaniker drauf angesprochen?
Dann kommt hinzu, dass es dem anderen vielleicht unangenehm ist, insbesondere hatte ich damals auch den Eindruck, dass er es oft auch verbergen wollte, vielleicht nicht mehr so sehr vor mir, aber vor anderen. Du schreibst ja auch oft, dass es bei dir eine Zeit gab, in der Du nicht darauf angesprochen bzw. "entlarvt" (deine Wortwahl) werden wolltest. Und dann denke ich noch, dass es doch ein leichtes für den Betroffenen wäre, das an entsprechender/passender Stelle selbst zu thematisieren und damit Offenheit bzgl des Themas zu signalisieren. Sowas wie "sei nicht irritiert, ich stottere hin und wieder" oder so. Da hätte ich dann einen Anknüpfungspunkt gehabt, aber - so weit ich mich erinnere, es ist lange her - die Situationen waren nach meiner Einschätzung damals immer so, dass er nach überwundenem Stottern froh war, weitersprechen zu können und das auch getan hat und ich mich auf den Inhalt konzentriert habe.

#12 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 12.05.2021 23:54

Ein bisschen frage ich mich auch, was da eigentlich passiert zwischen dem stotternden Gesprächspartner und dem das Stottern langsam erkennenden Gesprächspartner. Es ist, als würde eine weitere Ebene in das Gespräch eingezogen. Damals war es ein Aha-Erlebnis für mich "Ach deshalb spricht er manchmal so kompliziert oder leicht an der Sache vorbei, er tauscht die Wörter aus!", ich hatte so etwas zuvor noch nicht erlebt. Schnell war mir klar, dass ich ihn ausreden lassen möchte und irgendwie kamen mir Gespräche manchmal mehr wie etwas vor, was man wirklich zusammen bewältigt, genauer kann ich das gerade nicht beschreiben. Naja, und mein Wille, ihn darauf anzusprechen, war wahrscheinlich am ehesten davon getragen, ihn auch an der Stelle näher oder authentischer kennen zu lernen, nicht nur über fachliches oder oberflächliches Privates zu quatschen, sondern sein Handicap auch anzusprechen. Gleichzeitig aber die Sorge, ob das gut ankommt. Und dann habe ich in der Zeit - anderes Thema - einen guten Bekannten mal nach der Herkunft seiner Eltern gefragt (er sieht asiatisch aus, lebt schon immer in Deutschland), und er sagte zu mir, es sei für ihn ok, dass ich ihn das frage, aber er könne das überhaupt nicht leiden, wenn ihn Leute, mit denen er nicht so viel zu tun Habe, darauf ansprächen, das sei ihm zu privat. Da hatte ich null mit gerechnet. Und hängen blieb bei mir, dass man für viele Dinge wirklich Fingerspitzengefühl braucht.

#13 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 13.05.2021 00:03

Ach ja, und verbunden mit diesem Gedanken "Was passiert zwischen dem stotternden und dem nicht stotternden, wenn deutliches Stottern auftritt" noch ein Gedanke: vielleicht richten sich beide damit ein, dass es jetzt bekannt ist und unkommentiert weiter geht.

Ich habe zum Beispiel vor ein paar Jahren mal mit einer Mitarbeiterin des hiesigen Finanzamtes telefoniert, die in dem Gespräch stark gestottert hat und richtig heftige Blocks hatte. Sie hat sich da total tapfer durchgekämpft und mir inhaltlich total geholfen. Von dem Stottern war ich emotional zugegebenermaßen recht mitgenommen, der Inhalt hat mich total gefreut. Ich habe mich ganz fröhlich und herzlich bei ihr bedankt, das Stottern aber mit keiner Silbe angesprochen. Hätte man das machen sollen? So a la "Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, obwohl Ihnen die Äußerung so schwer gefallen ist?" Man weiß nicht, wie das ankommt. Vielleicht verletzt man den anderen ja auch. Abgesehen davon war ich total überrumpelt, hatte damit ja nicht gerechnet.

#14 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 13.05.2021 00:23

Du siehst, Petra, allein zu Deiner ersten Frage kann ich einen ganzen Sermon schreiben, wenn ich erstmal anfange. 😅

Das mit dem "Authentisch sein" ist auch so eine Sache. Manchmal ist man vielleicht auch einfach zu müde dazu, sich zu zeigen, wie man ist. Ist gerade nicht geerdet genug, die Verbindung zu sich selbst ist gestört. Ich meine noch nicht mal, dass man irgend etwas vorgeben will, sondern dass der daily hussle vielleicht so groß ist, dass man nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Oder man hat irgend eine andere Baustelle, die blockiert. Naja, jedenfalls fand ich bei meinem neuen Bekannten so angenehm, dass er so interessant, selbstbewusst, sympathisch und charismatisch (Ausstrahlung) war und sein Stottern diesen Eindruck in keiner Weise geschmälert hat, sondern das Selbstbewusstsein noch unterstrichen hat. Weil er sich einfach gegönnt hat, seine Sätze mit Stottern zu sagen.

#15 RE: Beitrag einer Flüssigsprechenden von grow_slowly 13.05.2021 00:26

In dem Zusammenhang kann ich mir deine Begegnung mit diesem Jungen in Deiner Jugend auch sehr gut vorstellen. Wahrscheinlich sind die beiden sich ganz ähnlich. Jetzt aber meine Frage: warum ist die Konditionierung wie Du sie beschreibst (Stottern = böse), wohl die üblichere? Wo kommt das her und was kann man dagegen tun?

Auch Eberhard schreibt, dass seine Mitmenschen überwiegend positiv auf das Stottern reagiert haben. Woher kommt dann die negative Konnotation?

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