#1 Petra - Warum ich hier bin von PetraS 10.04.2019 09:37

avatar

Hallo,
mein Name ist Petra, ich bin 56 Jahre alt und war lange Jahre im Forum der BVSS aktiv. Da dieses Forum nun endgültig geschlossen ist, habe ich die Initiative ergriffen, ein neues, privat geführtes Forum von Betroffenen für Betroffene zu gründen und hoffe, dass sich viele Leute mit oder ohne Bezug zur Selbsthilfe daran beteiligen, um sich ohne kommerzielle Interessen gegenseitig zu unterstützen.

Ich selber habe - meiner Mutter zufolge - mit 3 Jahren angefangen zu stottern. Das Thema wurde allerdings in unserer Familie stark tabuisiert (meine Mutter behauptete immer, ich kriege die Wörter nicht raus, Stottern sei aber was ganz Anderes ), weshalb ich sehr lange brauchte, um mich offen dazu zu bekennen. Allein die Erwähnung des Begriff Stottern oder - noch schlimmer du stotterst in meiner Gegenwart lösten in mir unsägliche Gefühle aus. Jedes Mal, wenn jemand es mir ins Gesicht sagte, fühlte ich mich wie ein völliger Versager, weil es mir wieder nicht gelungen war, flüssig zu sprechen.

Die schlimmste Zeit begann im 6. Schuljahr, als mein damaliger Klassenlehrer sich für auserwählt hielt, mich vom Stottern zu erlösen. Er behauptete, es wäre eine schlechte Angewohnheit, die er mir abgewöhnen könnte.
Nichts dergleichen geschah, ich wurde nur eine noch perfektere Vermeiderin. Am schlimmsten fand ich es aber, dass ich mein eigenes Sprechen ständig überwachen musste und mich bei der kleinsten Unflüssigkeit schuldig fühlte.

Ich konnte oft lange Zeit flüssig reden, ich gehörte zu den Schnellsprechern, aber dann gab es Wörter, die mich völlig sprachlos machten, wo ich in einen Block geriet, der schier unendlich war, und meistens waren es die anderen, die mich erlösten. Darum war ich ihnen eigentlich auch nicht böse, nur eine einzige Angst trieb mich um: dass sie es mir ins Gesicht sagten!

Genau so eine Situation hatte ich auf der Abschlussfahrt in der 10. Klasse, als ich in London eine Verkäuferin ansprach. Ich wurde schmerzlich an mein Stottern erinnert und trug dieses Gefühl, versagt zu haben, noch tagelang mit mir herum. Als ich dann nach Deutschland zurückkam, sprach mein Vater (der Schwimmmeister war) mich auf den Jungen an, den ich im Hallenbad seit kurzem ein paarmal getroffen hatte, was seinen aufmerksamen Blicken nicht entgangen war.
"Ich habe mich mit ihm unterhalten - er hat einen kleinen Sprachfehler" waren seine Worte. Diese Sekunden der Anspannung werde ich nie vergessen. Ich hatte bei dem Jungen nichts bemerkt, war nur hoffnungslos verliebt. Und ich hoffte innigst, dass mein Vater irgendeine Banalität wie Lispeln sagen würde, aber er nahm dieses unaussprechliche Wort in den Mund: "Er stottert!"

Es war dieselbe Anschuldigung, als hätte er zu mir gesagt "du stotterst!" Ich wehrte mich mit Händen und Füßen (mein Vater glaubte zu dem Zeitpunkt längst, bei mir sei das Stottern passé, weil ich immer eine große Klappe hatte). Mein Vater aber blieb dabei, der Junge würde stottern.
Mit dieser Situation begann mein großer Wandel, denn natürlich hatte mein Vater Recht.

Ich brauchte lange Zeit, den Jungen darauf anzusprechen, weil ich mir tausend Szenarien ausmalte, wie er darauf reagieren könnte. Ich war mittlerweile mit ihm zusammen, als ich irgendwann allen Mut zusammennahm und ihn darauf ansprach und das, indem ich die Frage wie folgt einleitete: "Du wirst es ja sicher bemerkt haben, dass auch ich stottere. Und du stotterst ja auch..." Und er sagte nur: "Klar stottere ich." Meine Rückfrage: "Stört dich das gar nicht?" Seine Antwort: "Nö!" Meine Frage: "Und wie ist das in der Schule?" Seine Antwort: "Da kann ich gar nichts sagen!"

Es war für mich undenkbar, wie man so locker mit einem solch üblen Vorwurf umgehen konnte. Ich stellte meine ganze bisherige Einstellung in Frage, machte mich dafür verantwortlich, so verschlossen zu sein, und entschied, mich von nun an überall und vor jedem offen zu meinem Stottern zu bekennen.

Dies war im Alter von 16 Jahren und gleichzeitig zum Schulwechsel von der Sekundarstufe I in die Oberstufe.
In dieser Zeit hat sich in meinem Leben sehr viel gewandelt. Dadurch, dass ich nun jederzeit sagen konnte, "ich stottere" oder "ich bin gerade mal hängen geblieben", hatte ich keinen Druck mehr, überall flüssig zu sprechen und meine Symptomatik bildete sich so weit zurück, dass die meisten Menschen gar nicht mehr merkten, dass ich stottere.
Ich traute mich all die Dinge zu tun, vor denen ich mich früher gescheut, die ich aber soooo gerne gemacht hätte.
Ich spürte zwar immer noch, dass im Sprechen einiges nicht so funktionierte, wie ich mir vorstellte, aber ich war Realist genug zu erkennen, dass den anderen Menschen nicht klar war, dass auch das Stottern ist.

Langer Rede kurzer Sinn - während ich als Kind vergeblich versucht hatte, all die Menschen, die mir vorwarfen, dass ich stottere, davon zu überzeugen, dass sie sich irren, versuchte ich nunmehr vergeblich, all die Menschen, die meinten, ich stottere nicht, davon zu überzeugen, dass ich es doch tat.

Irgendwann gab ich auf und hielt mich selbst für einen Nicht-Stotterer. Ich beobachtete die Menschen - was ich früher nicht konnte, weil ich zu sehr mit mir beschäftigt war - und stellte fest, dass sie ebenfalls gewisse Unflüssigkeiten im Sprechen aufwiesen, sodass ich mich in einer Grauzone bewegte, die sicher als normale Unflüssigkeiten durchgehen konnten.
Das wichtigste für mich aber war, dass ich gelassen sein konnte, dass ich keine Angst vor Sprechsituationen hatte, weil ich immer den Trumpf in der Hand hielt, im Notfalle sagen zu können: "Halt, da war mein altes Stottern mal wieder!" Ich brauchte es niemals zu sagen.

Doch mit den Jahren kamen all die alten Erinnerungen wieder auf (durch Situationen wie z.B. einen Fernsehbeitrag, in dem es um Stottern ging) und ich erkannte, dass nichts in der Welt mich je emotional so sehr betroffen gemacht hat wie das Thema Stottern. Immer noch kriegte ich Herzrasen, wenn ich den Begriff nur hörte, ich wurde ganz hektisch und konnte mir auch nicht vorstellen, im realen Leben stotternden Menschen gegenüberzutreten.
Lange glaubte ich, dass ich mit meinen Gefühlen und Gedanken allein dastand, und ich hielt mich auch allein verantwortlich für meine frühere Einstellung, das Stottern unbedingt verbergen zu müssen und zu leugnen.

Glücklicherweise lernte ich damals das Forum der BVSS kennen, welches für mich der Einstieg zur Selbsthilfe war. Ich lernte viele Menschen kennen, die ganz ähnliche Geschichten mit sich trugen wie ich, und ich lernte auch wieder, Stottersymptome offen zuzulassen.
Heute fühle ich mich zufrieden und ausgeglichen, weil ich endlich das Gefühl habe, dass ich Sein und Schein in Einklang gebracht habe.
Und mir ist es immer noch ein Bedürfnis, mich für andere Stotternde, meistens jüngere, einzusetzen, bei denen ich sooo viele Parallelen zu mir entdecken kann, um ihnen dabei behilflich zu werden, ein ebenso erfolgreiches Leben leben zu können, wie ich es habe.
Gruß
Petra

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz